TV-Kritik "Traumfrau gesucht" : Lüsternes Schmatzen im Pranger-TV

Versicherungsmakler Manfred (42) versucht im ukrainischen Odessa die Liebe fürs Leben zu finden. Foto: RTL2
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Versicherungsmakler Manfred (42) versucht im ukrainischen Odessa die Liebe fürs Leben zu finden. Foto: RTL2

Sexy, willig, devot soll sie sein: Vier deutsche Männer durchforsten Osteuropa nach "der großen Liebe" - und ziehen die Häme des Publikums auf sich.

shz.de von
03. Januar 2012, 06:38 Uhr

Das deutsche Kuppel-Fernsehen kennt kein Tabu. Inka Bause hat längst den letzten Dorftrottel verschachert, scharenweise Moppelchen mussten „schwer verliebt“ in die Kameras grienen. Und jetzt auch noch das: Seit Montagabend geht RTL II mit deutschen Männern in Osteuropa auf Brautschau. Die Empörung über das Sendeformat ist groß; genauso soll es sein.
"Traumfrau gesucht" setzt auf die Häme des Publikums - wie alle "Lovetainment"-Shows. RTL II beschreibt die Lage der Kandidaten mit verklärten Phrasen: "Sie suchen seit Jahren vergeblich nach einer passenden Partnerin und haben den Traum von der großen Liebe noch nicht aufgegeben." Tatsächlich richten die TV-Zuschauer die schwer vermittelbaren Männer, verhöhnen deren Marotten. Buhrufe vorm Pranger-TV; endlich mal wieder so richtig auskotzen.
"Ich steh voll nich’ auf Titten, ich steh auf Ärsche"
Da wäre zum Beispiel 28-jährige Elvis. Er ist arbeitslos und hat nach einem Sportunfall 50 Kilogramm zugenommen. "Hier bin ich ein armer Schlucker", sagt er, "aber da (in der Ukraine) hab ich was und kann sagen, ich komm aus Deutschland, Alter." Elvis klickt sich gerade durch einen Online-Katalog mit Fotos junger Frauen. Bei all der nackten Haut und den lüsternen Blicken kommt er rasch aufs Wesentliche: "Ich steh voll nich’ auf Titten, ich steh auf Ärsche."
Übrigens sind "die Emanzen" daran Schuld, dass Elvis keine Freundin hat. In Deutschland unterdrücken "frustrierte Frauen" nämlich ihre Geschlechtsgenossinnen und zwingen sie so, sich auch emanzipiert zu geben. Da läuft doch gehörig was schief. Elvis Schlachtruf lautet: "Hört auf, Frauen auf irgendwelche Schulen zu schicken und sie in Berufe zu stecken, die sie am Ende eh nicht will." Unwillkürlich stöhnt der Zuschauer auf: "Lern du erst mal deutsche Grammatik, Alter!" Schon hat die Betroffenheitsfalle zugeschnappt, das Publikum gerät in Rage, will Elvis’ Frauensuche jetzt auch in der Ukraine scheitern sehen.
Eine Abfuhr? - Einfach ignorieren!
Besonders subtil geht die Beeinflussung des Publikums also nicht vonstatten. Das muss sie auch nicht. Wer Männer wie den 50-jährigen Walther vor die Kamera zerrt, hat die Zuschauer längst gebannt. Der Eigenbrötler sucht eine Frau zwischen 25 und 35, extrem sexy, feminin, stets geschminkt - und naiv soll sie sein. Er möchte in hübschen Dessous überrascht werden, heiraten und eine Familie gründen. So einfach ist das.
Die ersten beiden Damen vergrault Walther gekonnt. Anna betrachtet er erst lüstern schmatzend über den Brillenrand und hat dann eine "super Überraschung" in petto: Statt mit Euro oder Rubel will er das gemeinsame Essen mit "Annas" zahlen, im Zentrum der selbst gedruckten Geldscheine prangt Annas Konterfei. Irritation auf allen Seiten. Annas Abfuhr ist ebenso programmiert wie deutlich. Einzig Walther merkt nichts davon.
Ein weinender 50-Jähriger und empörte Frauenrechtlerinnen
Sein zweites Rendezvous verläuft zunächst erstaunlich gut. Eine Physiotherapeutin im Blumenkleid betört ihn mit ihrem Duft, flirtet lächelnd, versteht zum Glück kein Deutsch. Das Eis ist gebrochen - und Walther lässt sich gehen. Er klagt ihr sein Leid vom schiefen Rücken, den Hängeschultern, bricht in Tränen aus. "Ich kann etwas nur mit dem Herz machen", schluchzt er, "ich gebe den Menschen zu viel - und manchmal frisst mich das auf." Uiui.
Nataschas Lächeln gefriert. "Walther ist ein kleiner unglücklicher Junge", wird sie später urteilten, "ich sehe ihn nicht mehr als Mann." Mag sein. Außerdem ist Walther der RTLII-Suggestion zufolge ein unverbesserlicher Egozentriker, unfähig sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Selbst auf Nataschas Bitte, sie auch einmal etwas zu fragen, reagiert er nicht.
Laut Medienberichten haben Frauenrechtlerinnen schon vor der Erst-Ausstrahlung von "Traumfrau gesucht" Alarm geschlagen. Der Vorwurf lautet, die arrangierten Dates mit heiratswilligen Frauen aus Russland, der Ukraine und Rumänien grenzten an Frauenhandel. Fest steht: Die Grenzen des guten Geschmacks hat das neue RTL-II-Format deutlich überschritten.

Die 6-teilige Dokusoap "Traumfrau gesucht" läuft immer montags um 21.15 Uhr auf RTL II.

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