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Literatur : Yasar Kemal will Dorn im Auge der Herrschenden bleiben

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Wäre der Schriftsteller Yasar Kemal noch ein wenig jünger, gut möglich, dass er sich direkt in die Demonstrationen der türkischen Protestbewegung rund um die Taksim-Platz in Istanbul eingemischt hätte.

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2013 | 00:07 Uhr

Widerstand gegen empfundenes Unrecht und der Kampf für Freiheit und Menschenrechte ziehen sich als roter Faden durch das Werk des Schriftstellers. So drückte er als Mitunterzeichner einer Erklärung die Sorge vor der immer aufgeheizteren Stimmung im Land aus, bei der auch Künstler und Schriftsteller Ziel von Angriffen seien. Am 6. Oktober wird der kurdischstämmige «Grandseigneur» des modernen türkischen Romans 90 Jahre alt.

Mit seinem 1955 veröffentlichten Roman «Ince Memed» (Memed mein Falke) erlangte Kemal weltweiten Ruhm. Mit seinem Romanhelden, dem «schmächtigen Memed», der sich gegen die Herrschaft der Großgrundbesitzer auflehnt und als Bandit in die Berge zieht, schuf er eine moderne Legende.

Kemal kam in Gökceli in der südtürkischen Mittelmeerprovinz Adana als Sohn eines früheren Großgrundbesitzers auf die Welt. Sein Geburtsdatum ist unklar. Der Schriftsteller sagt, er sei wahrscheinlich 1923 geboren worden. «Die Nomaden bei uns in der Cukurova kehrten gegen Ende Oktober von ihren Sommerlagern zurück. Zu dieser Zeit ungefähr muss ich auf die Welt gekommen sein», sagt er. Laut Unionsverlag feiert Kemal seinen Geburtstag seit langem stets am 6. Oktober - dem Tag, an dem ihn sein Vater offiziell bei den Behörden angemeldet haben soll.

Seine Eltern waren 1915 aus Ostanatolien vor der russischen Besatzung geflohen und hatten sich schließlich in der Cukurova-Ebene niedergelassen. Als Kind verliert Kemal bei einem Unfall ein Auge. Erst fünf Jahre alt, muss er beim Beten in einer Moschee erleben, wie sein Vater erstochen wird. Der Junge wird schwer traumatisiert. Erst im Alter von zwölf Jahren überwindet er eine Sprachbehinderung.

Im Alter von 17 Jahren kommt er als Sozialist wegen seiner politischen Ansichten erstmals mit dem Gesetz in Konflikt und ins Gefängnis. «Dann wieder 1950, als ich gefoltert wurde. 1971 wurde ich wieder festgenommen, aber nach vielen internationalen Protesten wieder freigelassen. Es gibt keinen Zweifel - das Gefängnis ist die Schule der türkischen Gegenwartsliteratur», sagte er.

«In Yasar Kemals Büchern ist die Darstellung des Rassenwahns als Ausdruck offizieller Regierungspolitik kenntlich. Deshalb ist der Autor den Herrschenden lästig», sagte Günter Grass 1997 in seiner Laudatio zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Kemal.

«Der Kampf gegen die Feindseligkeit ist die heiligste Anstrengung», sagte Kemal noch im April dieses Jahres bei der Verleihung eines Ordens durch das armenische Kulturministerium. Die Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien liegen noch immer weitgehend auf Eis. Die Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich bleibt für viele Menschen in der Türkei ein Tabu-Thema.

Auch die Kurden-Politik seines Landes hat Kemal immer wieder kritisiert. Gleichzeitig hat er betont, dass er die Türkei auf einem guten Wege sehe, auch wenn bis zu einem möglichen Beitritt zur Europäischen Union noch viele demokratische Reformen nötig seien. «Das türkische Volk ist sehr demokratisch eingestellt, aber man hat ihm die Demokratie nie gegeben», sagte Kemal.

Er selbst sagt auch, er wolle Dorn im Auge der Herrschenden bleiben und sich weiter einmischen. Mit dem im September veröffentlichten Buch «Tek Kanatli Bir Kus» («Vogel mit nur einem Flügel»), das er vier Jahrzehnte lang unter Verschluss gehalten hatte, beschäftigt sich Kemal mit der Angst, die die Gesellschaft vergiftet.

Unionsverlag

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