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Literatur : Wo ist die Zeit geblieben? «Momo» wird 40

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Da hat sich Michael Ende (1929-1995) auch selbst mal ganz viel Zeit gelassen. Sechs Jahre lang arbeitete der Autor einst an seinem Märchen-Roman von den Zeit-Dieben und dem Mädchen Momo, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Die Erstausgabe von «Momo» kam vor 40 Jahren - am 1. September 1973 - in die Buchläden.

shz.de von
erstellt am 27.Aug.2013 | 14:13 Uhr

Heute ist die Geschichte aus dem Klassikerkanon der deutschen Kinder- und Jugendliteratur nicht mehr wegzudenken. «Momo» wurde in 46 Sprachen übersetzt und hat sich nach Angaben des Stuttgarter Thienemann-Verlages weltweit über zehn Millionen Mal verkauft.

«Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen», schrieb Ende in «Momo». Er habe «uns etwas auf den Weg gegeben, nach dem wir uns unter stetig wachsendem Zeitdruck sehnen», sagte Roman Hocke, Endes langjähriger Freund und Lektor später. «Momo ist eine poetische Stellungnahme zu einem existenziellen Rätsel, zu einer wesentlichen Grundsatzfrage des menschlichen Miteinanders.»

Das Waisenmädchen Momo ist poetisch. In seiner Gegenwart haben Kinder Fantasie, versöhnen sich zerstrittene Menschen. Es nimmt sich Zeit für seine vielen Freunde wie Beppo Straßenkehrer und Gigi Fremdenführer.

Momo hat eine besondere Gabe: Sie kann Menschen zuhören. Doch die Grauen Herren von der Zeitsparkasse reden den Menschen ein, sie müssten immer mehr Zeit sparen und deshalb auf Freunde, Schlaf und alles Schöne verzichten. Schließlich kontrollieren die Zeit-Diebe alle Menschen - bis auf Momo. Sie erkennt, dass die Menschen um ihre Zeit betrogen werden, da sie vor lauter Sparen eins vergessen: zu leben.

1974 wurde Michael Ende für «Momo» mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Die Jury lobte den Roman als soziale Utopie, «die Anreize für Änderungen im eigenen Verhalten und für die Änderung realer Verhältnisse» gebe. Ende selbst sagte, er habe einen «Roman für junge Erwachsene und Erwachsene» geschaffen. Die Trennung von Kinder- und Erwachsenenliteratur hielt er stets für «Unsinn».

Für die seriöse Kritik war Ende spätestens seit «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» (1960) ein reiner Kinderbuchautor. Im Kontext der Eskapismus-Debatte wurden seine Texte als Flucht-Literatur abgestempelt - ihnen fehle jegliche Sozialkritik oder politischer Hintergrund. In seiner Heimat fühlte sich Ende eingeschränkt, ging nach Italien und genoss dort Freiheit und Toleranz. «Momo» gilt als sein internationaler Durchbruch. Heute zählt Ende zu den erfolgreichsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Zahlreiche Bühnen nahmen sich des Themas an - zuletzt im Juni die Junge Oper Stuttgart mit einer Uraufführung. 1986 erhielt die fiktive Momo ein reales Gesicht. Da erschien der Kinofilm mit Mario Adorf und Armin Mueller-Stahl - und der elfjährigen Radost Bokel. Per Zeitungsannonce wurde «Momo» gesucht. Die Beschreibung stand im Buch: «Klein und ziemlich mager» sollte das Mädchen sein, zwischen zehn und zwölf Jahre alt, und mit «einem wilden, pechschwarzen Lockenkopf» und großen, ebenfalls pechschwarzen Augen.

«Momo» sei bemerkenswert zeitlos und «heute noch so aktuell wie 1974», betont Doris Breitmoser, Geschäftsführerin des Arbeitskreises für Jugendliteratur, der die Preisvergabe organisiert. Das Buch habe schon einen besonderen Stellenwert. Zumal die Sieger stets eine Momo-Skulptur bekommen. Schließlich stehe sie für Werte, die Lesen vermitteln solle. «Momo hört zu. Momo hat viel Fantasie.»

Thienemann Verlag

Jugendliteraturpreis

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