zur Navigation springen

Literatur : «Wir Tiere» - Furioses Debüt um drei Brüder

vom

Sie sind jung, sie sind zu dritt und sie wollen nicht weniger als das pralle Leben. Drei Brüder aus Brooklyn werden erwachsen und schlagen sich irgendwie durch das, was man Pubertät nennt und am Ende Leben heißt.

shz.de von
erstellt am 03.Okt.2013 | 15:31 Uhr

Darum geht es in dem furiosen Debütroman «Wir Tiere» des jungen US-Schriftstellers Justin Torres, der von vielen Kritikern als neue Stimme einer Generation gefeiert wird. In direkter, teils roher Sprache und manchmal schwer zu verdauenden Bildern schildert er die Jugend seines namenlosen Protagonisten - einem 17-Jährigen, der anders ist als seine Brüder und dem genau das zum Verhängnis wird.

Der Vater schlägt sie manchmal, die Mutter überschüttet sie mit Liebe, wenn sie nicht gerade mit sich selbst beschäftigt ist oder sich von den Prügelattacken des Vaters erholt. Am meisten hängen die drei Brüder also miteinander rum, brechen mal in den Obstgarten eines alten Mannes ein - oder landen im Keller eines Nachbarsjungen, wo sie mit Kinderpornografie konfrontiert werden. Torres' Roman ist drastisch, und genau das macht ihn stark.

Denn was viele Kritiker als dysfunktionale Familie beschrieben haben, ist exakt der Stempel, den Torres nicht auf seinem Roman haben wollte: «Ich hasse dieses Wort», verriet er in einem Interview mit dem «Granta Magazine» nach der Veröffentlichung des Buchs in den USA im Herbst 2011. «Ich wollte ein Buch über eine Familie schreiben, die so kompliziert, so voller Liebe und zugleich voller Makel ist, dass die Leute dem Drang zu kategorisieren widerstehen.»

Tatsächlich ist das dem 1980 geborenen New Yorker Schriftsteller gelungen. Denn auch wenn der Vater roh sein kann, ist er nicht ohne Liebe für seine Jungs. Und auch wenn die Mutter wegen ihrer eigenen Probleme unzulänglich ist, würde sie alles für ihre Kinder machen. Der Roman lebt von intensiven Familienszenen: Vom nächtlichen Schwimmen im See, bei dem der Protagonist fast ertrinkt bis zum verzweifelten Versuch der Mutter, zusammen mit den drei Jungs den Vater zu verlassen.

All das reißt den Leser mit, weil Torres kurze, schnelle Kapitel als Form wählt. Dabei spitzt sich der stets spannende Roman allmählich, aber kaum merklich zu - bis am Ende alles implodiert. So findet sich der Protagonist plötzlich in einem Leben wieder, dass er zwar will, aber nicht wollen darf. Seine Familie zieht die Konsequenzen. Und der Leser muss den Roman erstmal verdauen.

- Justin Torres: «Wir Tiere», DVA-Verlag, München, 176 Seiten, ISBN: 978-3-421-04579-9

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen