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Literatur : Wiederentdeckt: «Stoner» von John Williams

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Der Schauspieler Tom Hanks schwärmte über den Roman «Stoner» einmal folgendermaßen: «Es ist einfach nur ein Roman über einen Typen, der in ein College geht und Dozent wird. Aber es ist eines der faszinierendsten Dinge, die dir je begegnet sind.»

shz.de von
erstellt am 22.Okt.2013 | 11:51 Uhr

Es stimmt schon, auf den ersten Blick scheint «Stoner» von John Williams eine ziemlich unspektakuläre, wenn nicht gar langweilige Geschichte zu sein: William Stoner, ein Bauernjunge aus dem tiefsten Missouri, entdeckt seine Leidenschaft für die Literatur und wird Universitätsprofessor. Er stolpert in eine unglückliche Ehe, entfremdet sich von seiner Tochter und stirbt mit 67 Jahren an Krebs.

Das ist kurz zusammengefasst der Inhalt des Romans. Und mancher wird ihn danach vielleicht schon zur Seite legen. Doch das wäre schade. Denn «Stoner» ist ein berührendes Seelenporträt und eine der faszinierendsten Wiederentdeckungen der letzten Jahre.

Das Schicksal dieses Romans ist allein schon ungewöhnlich. Der amerikanische Schriftsteller und Literaturprofessor John Williams (1922-1994) schrieb ihn 1965. Nach einigen Mühen wurde er veröffentlicht, fand aber nicht die verdiente Anerkennung. Keines von Williamsʼ Büchern wurde zu seinen Lebzeiten ins Deutsche übersetzt, sein Werk war fast vergessen. Erst 2006 kam es in den USA zur überraschenden Wiederentdeckung von «Stoner». Auch in anderen Ländern wie Frankreich und Italien fand der Roman begeisterte Leser. Der Deutsche Taschenbuch Verlag hat nun die erste deutsche Ausgabe vorgelegt.

Stoner verbringt eine karge Kindheit auf der Farm seiner Eltern. Es sind harte, schweigsame, von der Last der Arbeit gebeugte Menschen. Williams schildert die Ärmlichkeit der bäuerlichen Lebensweise in einer angemessen kargen und lakonischen Sprache: «Ihr Leben war in freudloser Arbeit verausgabt, ihr Wille gebrochen, ihr Verstand betäubt worden.» Zum Glück für den Sohn entdeckt ein aufmerksamer Lehrer seine Begabung für englische Sprache und Literatur und ermöglicht ihm eine Hochschullaufbahn.

Die Literatur weist Stoner den Weg in die Freiheit. Er macht sie zu seiner ersten und größten Liebe, die er lange verborgen hält, «als wäre sie gefährlich und verboten». Stoner, dieser zurückhaltende, etwas starre Mensch, verliebt sich in ein junges Mädchen, das «delikate und nutzlose Stickarbeiten» herstellt und nicht die «geringste Kenntnis ihrer eigenen Körperfunktionen hat». Die beiden heiraten überhastet, die Ehe wird zur Katastrophe.

Edith hasst ihren Mann. Williams schildert die Kälte und Lieblosigkeit dieser Beziehung so hautnah und echt, dass man geradezu ein körperliches Unbehagen verspürt. Einziger Lichtblick und emotionaler Halt in Stoners trostlosem Privatleben ist seine Tochter Grace. Doch Edith weiß ihm auch diese Freude zu vergällen. So zieht er sich ganz in seinen Beruf zurück, den er mit großer Hingabe ausfüllt. Allerdings erwarten ihn auch hier Enttäuschungen und bösartige Intrigen. Eine unverhofft über ihn hereinbrechende große Liebe zu einer jungen Doktorandin opfert er auf Druck der Kollegen.

Williams zeigt seinen Helden als eine authentische und gradlinige Figur. Den Zumutungen und Ungerechtigkeiten des Lebens setzt Stoner eine stoische Geisteshaltung und Duldsamkeit entgegen, von der man nicht weiß, ob man sie bewundernswert oder empörend finden soll. Denn mit nur ein wenig mehr Egoismus wäre Stoners Leben um einiges glücklicher. Doch wie seine bäuerlichen Vorfahren hadert er nicht mit seinem Schicksal. In einer wunderbar differenzierten Sprache, die die unterschiedlichsten Stimmungen einzufangen weiß, bringt uns Williams eine rührend altmodische Figur nahe.

- John Williams: Stoner. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 352 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-423-28015-0

John Williams

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