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Literatur : Vor fünf Jahren starb David Foster Wallace

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Denken zu lernen, so erklärte David Foster Wallace einst der Abschlussklasse des Kenyon College im US-Bundesstaat Ohio, bedeute eigentlich Disziplin und Kontrolle über seine Gedanken zu erlangen.

«Es bedeutet, bewusst und gegenwärtig genug zu sein, um auszuwählen, was man beachtet und wie man aus Erfahrung Bedeutung herausfiltert», heißt es in seiner inzwischen berühmt gewordenen Rede mit dem Titel «Das hier ist Wasser». Drei Jahre später war der gefeierte Schriftsteller tot. Quälende Depressionen, die auch mit Medikamenten nicht mehr in den Griff zu bekommen waren, hatten ihm die Kontrolle über seine Gedanken genommen. Wallace hatte den Kampf gegen sich selbst verloren.

Sein Selbstmord, der sich am Donnerstag (12. September) zum fünften Mal jährt, erschütterte die Literaturwelt. Seinen Freund und Schriftsteller-Kollege Jonathan Franzen schmerzte der Verlust so sehr, dass er sich zeitweise auf eine einsame Insel vor der Küste Chiles zurückzog, wie er später in seinem Essay-Band «Weiter weg» schrieb. Unter Literaturkritikern und seinen vielen Fans gilt Wallace noch heute als einer der bedeutendsten US-Schriftsteller der vergangenen Jahrzehnte.

Überraschend war sein Tod im Alter von nur 46 Jahren nicht gekommen. Seit Jahrzehnten hatte er gegen Depressionen und Alkohol- und Drogensucht gekämpft, war immer wieder auf Entzug und in psychischen Kliniken gewesen und hatte in den letzten Jahren vor seinem Tod auch nichts mehr veröffentlicht. «David war voller Liebe, aber er war auch voller Angst», sagte Franzen 2008 bei der Trauerfeier für seinen Freund. «Nur allzu rasch zog er sich in unendliche Traurigkeit zurück.» Dabei sei er eigentlich so brillant, witzig und liebenswert gewesen.

Der 1962 im US-Bundesstaat New York geborene Wallace galt als außergewöhnlich begabt und intelligent. Schon in der Schule und auf der Universität schloss er meist mit Auszeichnung ab. Sein Erfolg bei Kritikern und Publikum beruhte vor allem auf seinem Meisterwerk: «Unendlicher Spaß», ein mehr als 1000 Seiten dicker postmoderner Wälzer voller Bandwurmsätze und Fußnoten. Sechs Jahre brauchte Übersetzer Ulrich Blumenbach, um das gefeierte Werk ins Deutsche zu übertragen.

Aber Wallace schrieb eigentlich vor allem kürzere - und viel leichter zugängliche - Stücke. «Ich mache alles Mögliche», sagte er einmal in einem Interview. «Meistens fange ich drei oder vier Dinge an, von denen dann eins fertig wird.» Über Hummer schrieb er beispielsweise («Am Beispiel des Hummers») oder über Kreuzfahrten («Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich»). Die Texte wirken kurzweilig und äußerst humorvoll - aber gleichzeitig schaffte es Wallace privat trotz des großen Erfolges und der als stabil und glücklich geltenden Ehe mit der Malerin Karen Green einfach nicht, seine inneren Dämonen zu bekämpfen.

«Er ist in den Brunnen der unendlichen Traurigkeit abgetaucht», sagte sein Freund Franzen bei der Trauerfeier. «Und er hat es nicht mehr herausgeschafft. Aber er hatte eine wunderschöne, sehnsüchtige Unschuld und er hat es versucht.»

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erstellt am 12.Sep.2013 | 00:01 Uhr

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