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Kultur : Vor der Wahl: Intellektuelle streiten über Demokratie

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Es klingt ein wenig verzweifelt. «Leute, geht wählen!», heißt es in einem Aufruf von rund 120 Kunstschaffenden wenige Tage vor der Bundestagswahl. Wer die öffentliche Debatte verfolge, gewinne den Eindruck, dass in Deutschland immer mehr Intellektuelle zum Wahlboykott neigten.

Das Dokument trägt unter anderem die Unterschriften von Literaturnobelpreisträger Günter Grass, Schlagerstar Roland Kaiser oder Schauspieler Armin Mueller-Stahl - und es bittet zur Stimmabgabe für die SPD.

Der Eindruck könnte stimmen. Ob Richard David Precht oder Peter Sloterdijk - in Talkshows und Artikeln sprechen Philosophen und Schriftsteller offen über ihre Unlust, an diesem Sonntag zwei Kreuze auf den Wahlzettel zu setzen. «Nichtwählen ist salonfähig geworden», schreibt das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» unter der Überschrift «Die Schamlosen». Schuld daran seien Intellektuelle und Prominente, die ihre teils politikverachtende Haltung über alle Kanäle verbreiteten.

«Parteien tragen heute in der Gesellschaft kaum noch zur politischen Willensbildung bei», äußert sich etwa Precht in einer Umfrage der Wochenzeitung «Die Zeit». Sie seien primär Selbsterhaltungssysteme ohne echten Austausch mit der Gesellschaft. Insofern sei der Unterschied zwischen Wählen und Nichtwählen unwichtig.

Sloterdijk stößt in ein ähnliches Horn. Keine Partei werde in den nächsten vier Jahren die notwendige Energie aufbringen, «um das finanzpolitische Wahnsystem zu revidieren». Für einen «gefahrenbewussten Beobachter» sei im Augenblick schlechthin keine Partei wählbar.

Der Autor Moritz Rinke sieht vor allem ein Generationenproblem. Günter Grass habe ja immer wieder beklagt, dass die jüngeren Autoren zu unpolitisch seien und dabei die Fehler der Weimarer Republik wiederholen könnten, sagte Rinke der Nachrichtenagentur dpa. Doch Engagement sei heute viel schwieriger: Willy Brandts Friedenspolitik, die Demokratisierung der Republik, die Gruppe 47 - damals sei es eben viel schwieriger gewesen, sich in privater Distanz zu halten. Heute fehlten übersichtliche gesellschaftliche Konfrontationen, Gegner und Gegen-Entwürfe, meinte Rinke.

Der Historiker Herfried Münkler (Humboldt-Universität Berlin) spricht von einer sich ausbreitenden «Nimby»-Haltung. Mit der Verkürzung des englischen Begriffs «Not in my Backyard» (Nicht in meinem Hinterhof) sieht der Historiker immer mehr Bürger auf dem Ego-Trip. Menschen würden sich nur noch engagieren, wenn sie unmittelbar betroffen seien, etwa im Kampf gegen die Müllkippe um die Ecke. Der klassische Gemeinsinn gehe dagegen verloren. Dabei sollten sich vor allem Menschen im Berufsleben engagieren, weil sie den politischen Prozess tragen und das Gemeinwesen finanzieren, sagte Münkler im April bei einer Podiumsdiskussion in Schloss Neuhardenberg (Brandenburg).

Die Autorin Juli Zeh kann der «Nimby»-Haltung etwas abgewinnen. «Die Menschen sind schon immer aus Verhinderungsgründen in die Politik gegangen», sagte sie in der Diskussionsrunde, die auch als Buch («Was steht zur Wahl») erschienen ist. Ganze Parteien wie etwa die Grünen hätten sich zunächst als Verhinderungsprojekte verstanden. Zeh engagiert sich: Sie hat diese Woche zusammen mit anderen Schriftstellern von der Bundesregierung Antworten auf die NSA-Spähaffäre verlangt. Kurz vor der Wahl zogen die Autoren vors Kanzleramt.

Der Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han (Universität der Künste Berlin), der über den «Fluch der Transparenz» geschrieben hat, zieht angesichts des Wandels Parallelen zur digitalen Welt. Die Massen, die sich einst in Parteien und Vereinen organisierten, «zerfallen nun zu Schwärmen von lauter Einsen», schreibt Han in seinem neuen Buch («Im Schwarm. Ansichten des Digitalen»). Bald könnte der Wahlzettel durch den «Like-Button» ersetzt werden. Die Gesellschaft sei dabei, in Einzelmeinungen zu zersplittern.

Ob «Nimby», Schwarmverhalten oder Apathie: Tatsächlich geht die Beteiligung bei Bundestagswahlen seit dem Mauerfall-Jahr 1989 zurück - von damals 82,2 auf 70,8 Prozent vor vier Jahren. Doch ob Euro-Krise, demografischer Wandel oder Energiewende: An Zukunftsthemen, die zur Debatte stehen, herrscht kein Mangel. Der Philosoph Jürgen Habermas spricht von einem «Eliteversagen» und wirft Kanzlerin Angela Merkel (CDU) «Durchwurschteln» vor. «Deutschland tanzt nicht, es döst auf dem Vulkan», schrieb Habermas im «Spiegel».

Der Autor Maxim Biller zieht gar Parallelen zur Spät-DDR. «Seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, gelten bei uns dieselben Dogmen, ästhetisch und inhaltlich», sagte Biller in der «Zeit»-Umfrage. Deswegen gebe es schon lange keine aufregenden Bücher und Filme. Doch wer sollte diese Bücher schreiben und Filme drehen, wenn nicht die Künstler?

«Zeit»-Umfrage

Aktion mehr Demokratie

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erstellt am 19.Sep.2013 | 11:57 Uhr

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