zur Navigation springen

Literatur : «Vermisst»: Spannendes Krimidebüt aus Israel

vom

Ganz unspektakulär lässt Dror Mishani seinen ersten Krimi beginnen. Eines Abends kommt eine Frau in eine Polizeiwache in Tel Aviv, um ihren 16-jährigen Sohn als vermisst zu melden.

shz.de von
erstellt am 19.Aug.2013 | 00:17 Uhr

Inspektor Avi Avraham hat Bereitschaftsdienst, aber er hat keine Lust, sich um die Anzeige zu kümmern. Also versucht er, die Mutter mit einem faden Witz loszuwerden: «Warum gibt es hierzulande keine Kriminalromane? Einen großen Unbekannten gibt es bei uns nicht. Und es braucht keine komplizierten Ermittlungen, um den Täter zu finden und das Geheimnis zu lüften.»

Aber so einfach ist der Fall im ersten Roman des Israelis Dror Mishani (38) dann doch nicht. Am nächsten Tag ist die Frau wieder da, denn ihr Sohn Ofer ist weiterhin wie vom Erdboden verschwunden. Eher lustlos nimmt der kettenrauchende Einzelgänger Avi die Suche nach Spuren und Indizien auf, stößt aber schon sehr bald an Grenzen. So ganz stimmt es dann doch nicht mit den unkomplizierten Ermittlungen.

Zwei Männer stehen im Mittelpunkt des Romans. Neben Avi, der mit Leib und Seele Polizist ist, hat Mishani Seev gestellt, den Nachbarn, der Ofer Nachhilfeunterricht gegeben hat und ihn besonders gut zu kennen meint. Immer abwechselnd beschreibt Mishani, wie Avi Verhör an Verhör reiht und wie Seev versucht, sich in die Ermittlungen zu drängen. Je länger der Roman dauert, um so seltsamer verhält sich der Nachbar. Schließlich macht er sich selbst zu einem der Hauptverdächtigen.

Mishani gelingt es, die Spannung praktisch die ganze Zeit aufrecht zu halten. Die Leser wissen zu keinem Zeitpunkt mehr als die Ermittler, und die wechselnden Perspektiven tragen zusätzlich dazu bei, die wachsende Verzweiflung der Personen zu verstehen. Avi verbeißt sich mehr und mehr in den Fall, und Seev kommt sich schließlich «wie ein Betender in der Synagoge vor, der sich in seinen Gebetsmantel hüllt und die Gebetsriemen um Arm und Stirn legt, obgleich Gott nicht in seinem Herzen ist».

Erst als andere Ermittler mit neuen Ideen in die Ermittlungen eingeschaltet werden, gelingt es, die überraschende Lösung für das Verschwinden des Jungen zu finden. Avi hat seinen Teil zum Erfolg beigetragen, ist aber keinesfalls ein strahlender, genialer Ermittler. Mishani hat angekündigt, dass er weitere Romane um Inspektor Avi Avraham schreiben will. «Vermisst» lässt hoffen, dass es bald mehr mehr Krimis aus Israel zu lesen gibt. Spannende Ermittlungen hat die Krimiliteratur des Landes auf jeden Fall zu bieten.

- Dror Mishani: Vermisst. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 351 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 978-3-552-05645-9

Dror Mishani beim Zsolnay Verlag

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen