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Literatur : Verehrt, vergessen: «Der schwarze General»

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Sein Sohn setzte ihm ein literarisches Denkmal, doch die Geschichte hat ihn fast vergessen: Alex Dumas, der schwarze General und Vater des französischen Romanciers Alexandre Dumas d.Ä. («Die drei Musketiere»).

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erstellt am 22.Okt.2013 | 12:41 Uhr

Tom Reiss, ein amerikanischer Journalist und Autor, entdeckte den Helden der Französischen Revolution und jungen Republik Frankreich wieder. In seinem Sachbuch «Der schwarze General» erzählt er die mitreißende Geschichte jenes Mannes, dem Napoleon Bonaparte mehr zu verdanken hatte, als ihm lieb war. Reiss recherchierte jahrelang, um bestätigt zu bekommen: Alex Dumas (1762-1806) und sein trauriges Schicksal dienten dem Sohn teilweise als Vorlage für sein weltberühmtes Werk «Der Graf von Monte Christo».

Der Roman um Edmond Dantès, der - unschuldig inhaftiert - Jahre später auf der Insel Monte Christo einen unermesslichen Schatz findet und an seinen Verrätern Rache nimmt, ist nicht weniger abenteuerlich als das wahre Leben des Alex Dumas, der als Sohn des Marquis Alexandre Antoine Davy de la Pailleterie und der schwarzen Sklavin Marie Cessette Dumas auf Saint-Domingues, dem heutigen Haiti, zur Welt kam. Reiss wollte sich nicht allein auf die Memoiren des Schriftstellersohnes verlassen, denn dieser neigte bekanntlich zu bunten Ausschmückungen und dichterischer Freiheit.

Akribisch suchte er nach Dokumenten, Briefen und anderen Zeitzeugnissen und trug zusammen, was es in dieser Fülle und Komplexität bis dato nicht gegeben hat. Er reiste um die Welt, suchte Orte auf, an denen sein Held gewirkt hatte, durchsuchte Archive und ließ sogar einen Safe aufbrechen. Am Ende servierte Reiss das nicht nur für Historiker höchst interessante und jetzt auch in deutscher Sprache vorliegende Buch um einen Helden, der zuerst verehrt, dann wegen seiner Hautfarbe, später aber auch wegen seiner zutiefst republikanischen Einstellung geschmäht und schließlich vergessen wurde. Nicht von ungefähr wurde der 49-Jährige, der 2005 mit dem Buch «Der Orientalist» bereits einen Weltbestseller veröffentlichte, in diesem Jahr für sein Werk mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Schnell ist die Geschichte nicht erzählt, und sie kann auch an dieser Stelle nur grob umrissen werden: Sie beginnt in Saint-Domingues, jener französischen Kolonie in der Karibik, die sich als erstes und einziges Land - nahezu parallel zur Französischen Revolution - selbst von der Sklaverei befreite und seine Unabhängigkeit erklärte. Der Vater des Helden, der Marquis de la Pailleterie, war ein Abenteurer und nicht ohne Grund dort untergetaucht. Noch vor den revolutionären Unruhen kehrte er jedoch nach Frankreich zurück.

Drei seiner vier Kinder verkaufte er in Übersee als Sklaven. Das Schicksal der Sklavin Marie Cessette und Mutter des künftigen Helden bleibt unklar. Sein viertes Kind, sein Sohn Thomas Alexandre, verpfändete der Marquis zunächst, um sich die Überfahrt zu sichern. Später ließ er ihn nach Paris nachkommen und sorgte für eine ausgezeichnete Erziehung und militärische Ausbildung des jungen Grafen. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater entledigte sich der Sohn des Titels und des Namens und nannte sich fortan nach der Mutter: Alex Dumas. Er heiratete eine weiße Französin, bekam drei Kinder, von denen das jüngste der bekannte Autor Alexandre Dumas d.Ä. (1802- 1870) wurde. Gleichzeitig machte Vater Alex eine schnelle und unvergleichliche Karriere in der Revolutionsarmee.

Es sind belegte Tatsachen, dass Alex Dumas nicht nur einmal den Fortbestand der jungen Republik Frankreich mit seinem Einsatz an der Front sicherte. Seine Hautfarbe spielte in dem liberalen Land, das sich (vorübergehend) gänzlich von der Sklaverei lossagte und wenigstens für kurze Zeit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit praktizierte, keine Rolle und ermöglichte ihm einen sensationellen Aufstieg beim Militär. Seine Kampfkraft war gefürchtet, und seine Heldentaten brachten ihm den Namen «der schwarze General» ein, der nur mit Hochachtung ausgesprochen wurde. An der Seite Napoleons verteidigte er die Grenzen Frankreichs. An der Seite Napoleons aber zog er auch nach Ägypten, was den Anfang vom Ende seiner glorreichen Karriere markierte. Zurück in Europa wurde er von Feinden der Republik gefangen genommen und eingekerkert.

Vor allem dieses Erlebnis verarbeitete der Schriftstellersohn später in seinem Bestseller «Der Graf von Monte Christo». Auch in «Die drei Musketiere» finden sich Episoden und Konstellationen, wie sie Alexandre Dumas d.Ä. aus den Überlieferungen des Vaters kannte. Reiss` Werk «Der schwarze General» ermöglicht also auch eine Spurensuche bei jenem Dumas, der wiederum Vater des Bühnenautors Alexandre Dumas d.J. («Die Kameliendame») wurde. Neben knappen Details um den schillernden Familien-Clan aber gilt das besondere Interesse dem Dumas, den Reiss dem Vergessen entrissen und unglaublich spannend, mitreißend und informativ porträtiert hat - ein Sachbuch, das so manchen Abenteuerroman um Längen schlägt und zudem noch historisch korrekt ist.

- Tom Reiss: Der schwarze General. Deutscher Taschenbuch Verlag München (gebundene Ausgabe), 544 S., 24,90 Euro, ISBN 978-3-423-28017-4

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