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Literatur : Universum des Wortzauberers: Urs Widmers Autobiographie

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Seinen ersten Orgasmus hatte Urs Widmer mit Audrey Hepburn. Wie vieles in seiner Autobiographie schildert der Schweizer seine «Explosion der Triebe» als 16-Jähriger («ich war auch in Triebfragen ein Spätzünder») ehrlich, unbekümmert und humorvoll.

Die Hollywood-Schönheit habe er nicht im Bett gehabt, sondern nach einem besonders eindrucksvollen Kinobesuch im Kopf - «meiner Erinnerung nach nicht einmal nackt, sondern so, wie sie im Film war».

Mit schönem Sprachwitz und gnadenloser Selbstironie schaut der Schriftsteller zurück. Aber nicht auf sämtliche seiner 75 Jahre. Das wäre dem 1938 in Basel geborenen Sohn des Übersetzers und Kritikers Walter Widmer, zu dessen Freunden Heinrich Böll gehörte und bei dessen literarischen Abenden Erich Kästner und Günter Grass gern zu Gast waren, wohl irgendwie zu endgültig, zu unabänderlich erschienen.

Die ersten drei Jahrzehnte, entschied Widmer, sollten genügen. Seine «Reise an den Rand des Universums» - sie gehört zu den 20 Werken auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2013 - beginnt mit diesen Worten: «Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie. Denn eine Autobiographie ist das letzte Buch.» Da bleibe kein «Erinnerungsrätsel» mehr übrig.

So gesehen kann das Buch also nur als erster Band durchgehen; es bleiben noch etliche Rätsel aus fast fünf anderen Jahrzehnten. Doch was für ein Auftakt! In stilistischer Leichtigkeit, gepaart mit Faktentreue, führt uns dieser Wortzauberer Landschaften, Menschen und Geschehnisse vor Augen wie ein Träumemacher - und das alles eingebettet in drei historisch besonders bedeutende Jahrzehnte.

Gezeugt wird Urs von Anita und Walter Widmer in einer Alpenhütte. Unweit des Flusses Lonza, dessen Tosen sämtliche Geräusche des Aktes übertönte, wie der Autor zumindest vermutet. Geboren wird er gut ein Jahr vor dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen. Eine Kindheit auf einer Insel der Glückseligen, umzingelt von Tod und Verderben. Oft mit einem diffusen Gefühl der Angst.

Zu leicht werde vergessen, schreibt Widmer, dass die Schweizer damals nicht wissen konnten, ob sie wirklich von der Katastrophe verschont bleiben würden. «Die Prognosen waren nicht gut, und mindestens bis Stalingrad musste jeder, der seine fünf Sinne beisammen hatte, damit rechnen, dass die Wehrmacht früher oder später einmarschieren würde.»

Der historische Bogen reicht bis tief in den Kalten Krieg. Mauerbau, Kubakrise, Vietnam. «In den Manövern der Schweizer Armee kam der Feind immer von Osten und war immer rot. Die Blauen, die für die sich verteidigenden Schweizer standen, gewannen immer.»

Eine Autobiografie, die ein großer Roman und zugleich ein Geschichtsbuch ist, dessen Autor der Selbstironie frönt: «Ich hatte einen Kopf wie eine Birne, weil ich mit einer Zange ins Freie befördert werden musste. Wenn mein Vater es mir erzählte, schüttete er sich aus vor Lachen... Ich war aber gesund, außer dem Hirn war nichts zerdrückt worden.»

Zeitgeschichte und Autobiografisches hat Widmer in seinen Werken oft verwoben - so in der Trilogie «Der Geliebte der Mutter» (2000), «Das Buch des Vaters» (2004) und «Ein Leben als Zwerg» (2006). Vieles, was dort mitschwingt, hat er nun ganz offen dargestellt. Die Depressionen der Mutter etwa. Und der Tod des Vaters, dessen Sterben im Badezimmer der Sohn hilflos mit ansah.

Solange der Vater lebte, der Kritiker, wagte der Sohn nicht, seine literarischen Ambitionen zu offenbahren. Dann aber «verwandelte ich mich, fast auf der Stelle, in einen Schriftsteller», berichtete Widmer einst in der «Basler Zeitung».

So wird das Ende der «Reise an den Rand des Universums» zugleich ein Anfang: Im Zelt, auf einem Campingplatz in Barcelona reicht Widmer seiner Frau May einen Papierstapel, sein erstes Manuskript. Sie liest es in einem Zug. «Meinst du, ich soll die Geschichte einem Verleger zeigen?», fragt Widmer. «Unbedingt», sagt May.

Mit seiner Erzählung «Alois» hatte Widmer 1968 ein fulminantes Debüt hingelegt. Diese - durchaus verwirrende - Mischung aus Comic, Action, Philosophie und Fantasie ohne wirkliche Handlung war so konsequent Popkunst, wie bis dahin nichts Geschriebenes in deutscher Sprache.

45 Jahre liegen zwischen «Alois» und «Reise an den Rand des Universums». Und rund 30 Prosabände, ein gutes Dutzend Theaterstücke, etliche Hörspiele und Essays. Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht Widmers Autobiografie neben 19 anderen Werken, darunter von Altmeister Uwe Timm und Büchner-Preisträger Reinhard Jirgl. Am 11. September wird sie zur Shortlist mit sechs Romanen reduziert. Widmers «Universum» sollte unbedingt dabei sein.

- Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums. Diogenes Verlag, Zürich, 352 Seiten, 22,90 Euro, ISBN 978-3-257-06868-9

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erstellt am 09.Sep.2013 | 13:13 Uhr

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