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Literatur : Um Pablo Nerudas Tod ranken sich noch Rätsel

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40 Jahre nach seinem Ableben sind die Todesumstände des Dichters und Nobelpreisträgers Pablo Neruda Gegenstand forensischer Ermittlungen. Erst im April wurde sein Leichnam exhumiert.

shz.de von
erstellt am 23.Sep.2013 | 00:03 Uhr

Experten in Spanien und den USA wollen mit Hilfe von Gewebeproben herausfinden, ob stimmt, was Vermutungen nahelegen: Dass er am 23. September 1973 im Krankenhaus nicht seinem Krebsleiden erlag, sondern ermordet wurde - vergiftet von Schergen des Diktators Augusto Pinochet.

Erst knapp zwei Wochen zuvor hatte das Militär Chiles sozialistischen Präsidenten Salvador Allende und dessen demokratische Regierung gestürzt. Direkt danach begann die Verfolgung politischer Gegner. Manche wurden hingerichtet, viele verschwanden spurlos. Neruda, Autor von Meisterwerken wie «Canto General» oder «Crepusculario», war als Dichter wie kommunistischer Politiker eine Landesgröße und ein Freund Allendes. Der an Prostatakrebs Erkrankte hatte Schmerzen, seine Familie brachte den 69-Jährigen ins Krankenhaus Santa María in Santiago. Für den Tag, an dem er starb, hatte er Pläne: Neruda wollte nach Mexiko reisen, wo er die Gründung einer Exilregierung plante.

Neruda wäre nicht der Einzige, den das Pinochet-Regime mit Gift aus dem Weg räumte. Als so gut wie bewiesen gilt der Mord am früheren chilenischen Präsidenten Eduardo Frei Montalva, dessen Fall die Justiz ebenfalls prüft. Er starb 1982 in derselben Klinik, im selben Stock und sogar unter demselben Ärzteteam wie Neruda. Untersuchungen seines Leichnams wiesen Spuren tödlichen Sarin-Gases nach.

Neruda galt bis 2011 offiziell als an Krebs gestorben. Dann gab ein Gericht der Klage der kommunistischen Partei statt, Ermittlungen zu seiner Todesursache einzuleiten. Neruda, Allende und der Sänger Víctor Jara, der vom Militär verhaftet, gefoltert und erschossen wurde, seien «Symbole der jüngst gestürzten sozialistischen Regierung» gewesen, sagt Eduardo Contreras, der als Anwalt die Klage vertritt. Der Ausgangspunkt für die Prozessaufnahme war ein «Komplex aus Indizien und Vermutungen», die darauf schließen ließen, dass Dritte an Nerudas Tod mitwirkten, wie Contreras der Nachrichtenagentur dpa sagte. Zu diesen Hinweisen zählten das Verschwinden von Nerudas Krankenakte und der Umstand, dass es keine komplette Auflistung aller Klinikmitarbeiter gegeben habe.

Zweifel mehrten auch die Äußerungen von Nerudas Sekretär und Chauffeur Manuel Araya, der den Schriftstellern fast bis zur letzten Lebensminute begleitet hatte. «Ich war bei ihm und weiß, dass sie ihm gegen vier Uhr am Nachmittag (seines Todestages) eine Spritze in den Magen gaben. Mir sagten sie, es sei Metamizol gegen die Schmerzen», sagt er lokalen Medien. Stunden später war Neruda tot. Er wurde in einer einfachen Nische des Nationalfriedhofs in Santiago beigesetzt. Sein Begräbnis am 25. September 1973 sei zur ersten Demonstration gegen die Diktatur geworden, erinnert sich die Journalistin Virginia Vidal, eine Nahestehende der Familie Nerudas.

Der Trauerzug führte vom Friedhof bis zu «La Chascona», dem Haus im Zentrum Santiagos, das Neruda für seine Geliebte und spätere dritte Ehefrau Matilde Urrutia hatte bauen lassen. Mehr und mehr Menschen schlossen sich auf dem Weg an - «eine menschliche Flut» habe den Soldaten auf der Straße die Stirn geboten, erzählte Vidal. Neruda-Gedichte seien verlesen worden. Die Teilnehmer - sich der Militärpräsenz wohl bewusst - hätten die Internationale angestimmt, die Hymne der Kommunisten.

Im wieder demokratischen Chile wurden Nerudas Gebeine 1992 auf sein Grundstück auf Isla Negra an der Pazifikküste übergeführt, wie er es sich zu Lebzeiten gewünscht hatte. Die Pablo Neruda Stiftung, die heute in «La Chascona» ihren Sitz hat und Führungen auf den Spuren des Dichters organisiert, weiß nicht, wann seine Überreste nach der Exhumierung wieder an die Grabstätte zurückkehren werden. «Wir werden etwas machen, das der Geltungskraft und Lebendigkeit Nerudas im Heute gedenkt», sagt der Präsident Fernando Sáez. Außerdem soll es Ende des Jahres Neuauflagen geben - von Nerudas Gedichtsbänden «Crepusculario» und «Residencia en la tierra».

Pablo Neruda Stiftung

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