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Literatur : Trügerisch einfach: Murakamis «Unheimliche Bibliothek»

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Um sich ein paar neue Bücher auszuleihen, geht ein Junge in die Bibliothek. Es ist, wie der Titel der Erzählung von Haruki Murakami andeutet, eine «unheimliche Bibliothek». In der jetzt als Buch erschienen Geschichte mit Illustrationen von Kat Menschik verknüpft Murakami subtil das Alltägliche mit surrealen Ebenen.

shz.de von
erstellt am 02.Okt.2013 | 11:27 Uhr

Es beginnt ganz harmlos, aber schon auf dem Weg zum Lesesaal verändert sich anfangs unmerklich die Realität. Von einem seltsamen Bibliothekar wird der Junge durch ein unterirdisches Labyrinth geführt und in einem Verlies eingesperrt. Bewirtet von einem Schafsmann und einem stummen Mädchen soll er lesen, um nach einer Prüfung wieder die Freiheit zu erlangen.

Alles wird aus der Sicht des Jungen beschrieben, vor allem durch seine Gefühle. So erscheinen auch die eigentümlichen Gestalten wie der Schafsmann als ungewöhnlich, aber keinesfalls negativ oder gar bedrohlich. Das Fell, das er trägt, steht ihm gut, der kleine Schwanz schwingt beim Laufen lebhaft hin und her, was ihn sympathisch macht.

Mit einfachen Worten schafft Murakami eine Welt, die auf den ersten Blick normal erscheint, doch bereits nach kurzer Zeit die Frage aufwirft, was Wirklichkeit und was Traum ist. Zahlreiche Fragen bleiben offen, so etwa wohin das Labyrinth im Keller der Bibliothek tatsächlich führen soll, und warum der Junge etwas über Steuereintreibung im Osmanischen Reich lesen will. Wie abwegig ist es, dass Bibliotheken, das Wissen, das sie verleihen, wieder zurück haben wollen? Wer sind der Schafsmann, das schöne Mädchen und der Bibliothekar?

Die Geschichte verweigert konsequent Antworten auf diese Fragen und überlässt es den Lesern vollständig, Sinn und Bedeutung für sich selbst herauszufinden. Diese Erzählhaltung ist durchaus typisch für Murakamis Kurzgeschichten, die wesentlich experimenteller sind als seine Romane. Der 1949 geborene Murakami wurde mit zahlreichen nationalen und internationalen Auszeichnungen geehrt und bereits dreimal für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Auch in diesem Jahr wird er als ein Favorit gehandelt.

«Die unheimliche Bibliothek» ist eine verdächtig einfache Lektüre, deren Tiefe sich nicht unbedingt beim ersten Lesen erschließt. Damit ist sie ein sehr gutes Beispiel für Murakamis Herangehensweise an seine Kurzgeschichten, von denen auch weitere in deutscher Übersetzung vorliegen. Auch in ihnen verschwimmen häufig die Welten, sowie es der Junge in «Die unheimliche Bibliothek» ausdrückt: «Deine Welt, meine Welt und die vom Schafsmann. Es gibt Orte, an denen sie sich überschneiden.»

- Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek. Mit Illustrationen von Kat Menschik. Dumont Verlag, Köln, 64 Seiten, Euro 14,99, ISBN 978-3-8321-9717-9

Offizielle Homepage Haruki Murakami auf Englisch

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