Literatur : «Tiergarten» - Ein US-Botschafter in Nazi-Deutschland

«Lassen Sie Hitler seinen Willen», soll einer der merkwürdigen Ratschläge gewesen sein, die William E. Dodd (1869-1940) auf dem Weg nach Berlin im Jahre 1933 mitgegeben wurden. Der zurückhaltende Südstaatler übernahm einen der heikelsten Botschafterposten für die USA.

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05. November 2013, 14:37 Uhr

Hitler war gerade Reichskanzler geworden und die Nationalsozialisten berauschten sich an ihrer neuen Macht. Tatsächlich sollten für Dodd die Jahre in Berlin zur Prüfung seines Lebens werden.

Der Botschafter, der sein Amt in abwartend-optimistischer Haltung angetreten hatte, sah sich einer Barbarei konfrontiert, die er nicht für möglich gehalten hätte. Nach vier Jahren kehrte Dodd als entschiedener Nazi-Gegner in seine Heimat zurück und wurde nicht müde, seine Landsleute wachzurütteln. Diese Geschichte einer Desillusionierung hat der amerikanische «Wall Street Journal»-Reporter Erik Larson in seinem ausgesprochen spannend zu lesenden Buch «Tiergarten - In the Garden of Beasts» festgehalten.

Als Grundlage für sein reportageartig geschriebenes Werk dienten ihm etwa das Tagebuch Dodds sowie die Erinnerungen von dessen Tochter Martha. Zudem bezog der Autor offizielle Schreiben und Telegramme des Botschafters mit ein. Diese Quellen geben nicht nur Einblick in die Machtstrukturen und Konkurrenzkämpfe in der Nazi-Führungsriege, sondern werfen auch ein bezeichnendes Licht auf das damals wenig harmonische Innenleben der US-amerikanischen Botschaft in Berlin.

William Dodd war keineswegs die erste Wahl für diesen Botschafterposten gewesen. Denn der genügsame Geschichtsprofessor gehörte nicht zum erlauchten Kreis, aus dem normalerweise Diplomaten rekrutiert wurden. So eckte Dodd mit seiner Sparsamkeit in seinem verschwenderischen Umfeld sofort an: «Zu einer Zeit, als ein robuster Millionär gefordert war, um es mit der Extravaganz der Nazis aufzunehmen, tat er bescheiden herum, als wäre er noch auf seinem Universitätscampus», schrieb der NSDAP-Pressechef Ernst Hanfstaengl in seinen veröffentlichten Erinnerungen einmal abfällig.

Anders als ihr Vater genoss die schöne Tochter Martha das Berliner Partyleben. Sie ließ sich von jungen Nazigrößen wie dem Gestapo-Chef Rudolf Diels hofieren und bewunderte die Braunhemden über alle Maßen. Mustergültig und schön, gut und ehrlich seien «diese deutschen Burschen», schrieb sie dem Schriftsteller Thornton Wilder in jugendlicher Verblendung.

Dodd versuchte zunächst, Verständnis für die Hitler-Regierung aufzubringen. Zwar kritisierte er die Behandlung der Juden ebenso wie Hitlers aggressives militärisches Machtstreben, aber grundsätzlich habe ein jedes Volk ein Recht darauf, sich selbst zu regieren, meinte er nachsichtig. «Geben Sie den Männern eine Chance, ihre Pläne auszuprobieren», schrieb er an Präsident Roosevelt. Bald jedoch musste der Botschafter erkennen, dass das geliebte Deutschland seiner Studienzeit nicht mehr existierte. Brutale Gewalt war Alltag.

Immer wieder musste er Protest einlegen, weil amerikanische Landsleute von SA-Schlägertrupps misshandelt wurden, da sie den «deutschen Gruß» nicht erwidert hatten. Das Fass zum Überlaufen brachte im Juli 1934 die grausame Säuberungsaktion, bei der führende SA-Leute und bekannte Politiker verhaftet und ermordet wurden. Angewidert gelobte Dodd nach diesem Massaker, Hitler nie mehr in seinen vier Wänden zu empfangen: «Grauen befällt mich, wenn ich den Mann ansehe.»

Zurück in den USA wurde Dodd dann zur «Kassandra der Diplomaten». Er warnte seine meist ahnungslosen Landsleute vor einem heraufziehenden Krieg und sollte Recht behalten. Erstaunlicher noch war die Wandlung seiner Tochter Martha. Sie wurde zur glühenden Antifaschistin und lebte jahrelang in der kommunistischen Tschechoslowakei.

- Erik Larson: Tiergarten - In the Garden of Beasts. Ein amerikanischer Botschafter in Nazi-Deutschland. Hoffmann und Campe, Hamburg, 510 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-455-50304-3

Erik Larson

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