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Literatur : Tiefschürfende Einblicke: Ein Portrait Russlands

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Die Geschichten von Swetlana Alexijewitsch, der weißrussischen Schriftstellerin und Dissidentin, bohren sich ins tiefste Innere des Lesers.

shz.de von
erstellt am 09.Sep.2013 | 13:13 Uhr

Mit ihrem neuen Buch «Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus», das am Montag im Verlag Hanser Berlin erschien, bleibt die 65-Jährige ihrem Stil treu. Sie erzählt Geschichte psychologisch einfühlsam anhand von einzelnen Menschenleben. Es sind erschütternde Schicksale voller Brutalität und Leid - und wenig Hoffnung. Immer wieder enden sie mit dem Tod.

Doch ist Alexijewitschs Monumentalwerk mit mehr als 500 Seiten keine bloße Sammlung gruseliger Lebensgeschichten von Opfern staatlicher Gewalt im Kommunismus und heute. «Secondhand-Zeit» ist vor allem der wohl bisher umfassendste Versuch, die Epoche der Sowjetunion und die Folgen ihres Zusammenbruchs emotional begreifbar zu machen. Es gibt hier Lebensbeichten von Tätern und einen tiefen Einblick in die Wirren der 1990er Jahre zwischen großer Armut und dem Rausch der neuen westlichen Konsumwelt.

Entstanden ist eine einzigartige Gefühlsgeschichte des postsowjetischen Menschen, ein kolossales Gesellschaftsporträt. Vor allem auch für Leser in der einst maßgeblich von der Sowjetunion geprägten früheren DDR gibt es hier viele Bezugspunkte. Wach werden etwa Erinnerungen an den Spitzelstaat mit schlimmsten Denunziationen selbst innerhalb von Familien. Nachgezeichnet wird aber auch, dass der im Westen wegen seiner Politik von Perestroika (Umgestaltung) verehrte Ex-Kremlchef Michail Gorbatschow für die meisten Russen als Verräter und Schuldiger am Zusammenbruch des Sowjetimperiums gilt.

Etwa 200 Schicksale hat Alexijewitsch für dieses Werk verarbeitet, verdichtet zu dramaturgisch packenden Monologen, die wie aus einem Guss sind - weil die Autorin mit ihren Gesprächspartnern arbeitet, Formulierungshilfen gibt, damit schmerzhafte Erfahrungen vor dem Auge des Leser lebendig werden. Ihr «Roman in Stimmen» ist eine Technik, die Alexijewitsch selbst entwickelt hat.

Nach ihrer viel beachteten Leidensgeschichte um Betroffene der Atomkatastrophe von Tschernobyl gibt sie einmal mehr tiefschürfende Einblicke in das Seelenleben ihrer Landsleute. Es sind Erfahrungen vom rauen sowjetischen Alltag voller Alkohol, Schmerz und Ungerechtigkeiten, die nie gesühnt werden. Die Biografien in kommunistischen Straflagern, in schrecklichen Kinderheimen und in der von Sadismus durchsetzten Armee strahlen bis ins Heute.

Lichtblicke gibt es für den Leser kaum - stattdessen traurige Begegnungen mit einer Mutter, die ihre Tochter im Kriegsgebiet in Tschetschenien auf unklare Weise verliert; mit einer Frau, die ihre drei Kinder samt Mann verlässt, weil sie einen Mörder liebt. Es sind Geschichten von Verlust, schweren Brüchen in Lebensläufen, selten von Glück und Liebe. Immer wieder geht Alexijewitsch dem Schicksal von Menschen nach, die zerbrechen und selbst den Tod wählen.

Oft drehen sich die teils intimen Erzählungen mit anschaulicher Sprache um große politische Ereignisse wie Bürgerkriege zwischen den Südkaukasus-Republiken Armenien und Aserbaidschan oder auch in Zentralasien. «Im Grunde sind wir Menschen des Krieges. Immer haben wir entweder gekämpft oder uns auf einen Krieg vorbereitet (...) Darauf ist unsere Psyche ausgerichtet. Auch im friedlichen Leben war alles militärisch organisiert», schreibt Alexijewitsch.

Offen bleibt die Hoffnung auf ein Ende des Schmerzes in einem Land, in dem Opfer und Täter weiter zusammenleben, ohne Aussicht auf eine umfassende Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Ein Protagonist meint, Schuld sei der Revolutionsführer Lenin, der einst den Kommunismus brachte: «Solange die Mumie ... der sowjetische Pharao ... solange der noch in seinem Tempel auf dem Roten Platz liegt, so lange werden wir weiter leiden. Werden verflucht sein ...»

- Swetlana Alexijewitsch: Secondhand-Zeit, Leben auf den Trümmern des Sozialismus, Hanser Berlin Verlag 2013, aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt, 576 Seiten, 27,90 Euro, ISBN 978-3-446-24150-3

Swetlana Alexijewitsch

Hanser Berlin zur Autorin

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