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Literatur : T.C. Boyle über «San Miguel» - kein Platz für Idylle

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T.C. Boyle hat einen Roman geschrieben, aus dem auch zwei oder drei hätten werden können: spannend genug sind die Geschichten, die er erzählt, auf jeden Fall. Andererseits ergänzen sie sich geradezu ideal und machen «San Miguel» umso interessanter. Und genau das ist natürlich Absicht.

Im Mittelpunkt stehen drei Frauen: Marantha, Edith und Elise, nach denen die drei Teile des Romans benannt sind. Drei Persönlichkeiten, die kaum unterschiedlicher sein könnten und doch viele Gemeinsamkeiten haben: Männer zum Beispiel, die ihnen nicht das Wasser reichen können, aber ihnen das Leben schwer machen.

Alle Geschichten spielen auf San Miguel, einer Insel vor der Küste von Santa Barbara in Kalifornien. Nur zwei Inseln weiter liegt Santa Cruz, die passionierte Boyle-Leser aus dessen vorherigem Roman «Wenn das Schlachten vorbei ist» kennen. San Miguel ist eine Gegenwelt zum Festland, einsam, baumlos, menschenleer, abgeschieden und losgelöst von den Entwicklungen in den entfernten Großstädten, von denen man auf der Insel oft nur mit einiger Verzögerung erfährt.

Ist das die Hölle oder das Paradies? Für Marantha Waters ist es vor allem die Hoffnung, die Schwindsucht zu überleben. Denn dass es nicht gut aussieht, erfährt der Leser gleich in den ersten Zeilen: «Sie hustete, immer hustete sie, und manchmal hustete sie Blut», lautet der harte erste Satz des Romans, der einen atmosphärisch sofort darauf einstimmt, dass hier viele unschöne Details folgen werden: «Das Blut kam als feiner Sprühregen, aus den Lungenbläschen gepresst und mit Luft vermischt, als wäre es Parfüm aus einem Zerstäuber.»

Ein vielsagender Romananfang und in mancher Hinsicht typisch: Boyle ist ein gnadenlos guter Autor und ein genauso gnadenlos exakter Beobachter, der seine Leser auch mit grauenvollen Details nicht verschont, blutiger Sprühregen ist da noch harmlos. Marantha kommt am Neujahrstag 1888 nach San Miguel, um dort mit ihrem Mann Will und der Adoptivtochter Edith ein neues Leben in klimatischen Bedingen zu beginnen, die ihrer schwindsüchtigen Lunge gut tun sollen. Aber die Insel ist für sie eine einzige Enttäuschung: Das Haus, in das sie einziehen, erscheint ihr als Bruchbude mit dreckigen Vorhängen, fleckigen Matratzen und ungestrichenen Wände.

Der Wind fegt heulend über die Insel und lässt die Fensterscheiben klirren. Die Schafe auf der Ranch haben von Dreck verkrustete Wolle, stinkend von Schweiß, Urin und Kot. Nein, das Bild, das Boyle von dem Inselleben zeichnet, hat nichts von Idylle. Und die Geschichte kann eigentlich gar nicht gut ausgehen, geht sie auch nicht. Marantha und Will leben sich schnell auseinander. Und ihre Tochter Edith hat schließlich nur noch einen einzigen Gedanken: wegzukommen, dem öden, trostlosen Inselalltag zu entfliehen. Und um das zu schaffen, ist sie bereit, einiges in Kauf zu nehmen.

Für Elise, die viele Jahr später Ende März 1930 auf die Insel kommt, fühlt sich ihr neues Leben dort deutlich vielversprechender an. Wenige Wochen zuvor war sie noch nie westlich des Hudsons gewesen, nun zieht sie mit ihrem Mann Herbie Lester nach San Miguel. Die Überfahrt ist wie der Aufbruch ins Paradies: «Das Festland blieb zurück, die Inseln rückten näher, alles war übergossen mit Sonnenlicht, alles glänzte, als wäre die ganze Welt frisch gestrichen.» Und tatsächlich finden die beiden ihr kleines Glück, ein Stück heile Welt, in der ihre beiden Töchter groß werden.

Aber finanziell kommen sie auf keinen grünen Zweig. Und dass etliche Journalisten vorbeischauen, sogar ein Reporter von «Life», um über die ungewöhnliche Familie am Rand der Zivilisation zu schreiben, ist nur ein schwacher Trost. Als dann auch noch der Zweite Weltkrieg beginnt und zwei Navy-Soldaten auf der Insel stationiert werden, wird die Stimmung immer bedrohlicher. Herbie ist dem Druck nicht gewachsen und nicht mehr der Alte.

Beim Holzhacken verstümmelt er seine Hand durch einen Unfall mit der Axt. Und dabei gehen nicht nur zwei Finger verloren. Auch diese Geschichte geht böse aus. T.C. Boyle steht nicht auf Happy Ends. Und das ist gut so. Seinen neuen Roman macht es nur umso eindrucksvoller. Spannend ist er sowieso, so spannend, dass man ihn kaum aus der Hand legen will. Nur für ohnehin trübe, düstere Herbstabende ist er vielleicht nicht ganz die richtige Lektüre.

- T.C. Boyle: San Miguel. Carl Hanser Verlag, München, 443 S., 22.90 Euro, ISBN 978-3-446-24323-1

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erstellt am 27.Aug.2013 | 16:43 Uhr

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