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Literatur : Symbolstark: Andrew Millers historischer Roman

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Frankreich am Vorabend der Revolution bietet dem Engländer Andrew Miller ein ideales Umfeld für einen symbolstarken historischen Roman.

shz.de von
erstellt am 19.Aug.2013 | 00:25 Uhr

In «Friedhof der Unschuldigen» nimmt er ein historisches Ereignis zum Vorbild für eine Parabel auf Tradition, Modernisierung und den ewigen Kampf zwischen Weltverbesserern und Kleinmütigen.

Den Friedhof der Unschuldigen, der dem Buch seinen Titel gab, hat es wirklich gegeben. Und die Hauptfigur, den jungen Ingenieur Jean-Baptiste Baratte, hätte es auch geben können. Denn einer muss den Auftrag bekommen haben, den Friedhof aufzulösen.

Schon das erste Kapitel macht das Chaos deutlich, in das der junge Mann aus der Provinz hineingerät. Der königliche Palast in Versailles, wo er im Jahr 1785 offiziell seinen Auftrag bekommt, ist ein Gewirr dunkler Gänge voll abgestumpfter Bewohner. Niemand scheint mehr den Überblick zu haben, und so gibt es nur eine Möglichkeit, wieder hinauszukommen: einen beherzten Sprung aus dem Fenster.

Dabei ist die Aufgabe, für die Baratte angeheuert wurde, durchaus reizvoll für den Ingenieur. Der alte Friedhof in der Pariser Innenstadt ist übervoll und muss entfernt werden, da er mit seinen Ausdünstungen die Stadt verpestet. Baratte scheint ideal für diese Aufgabe, denn er ist nicht nur ehrgeizig, sondern er sieht sich auch als einen modernen Menschen, der einer guten Zukunft den Weg bereiten will. Auch äußerlich demonstriert er umgehend, wie sehr er das Neue verkörpert, als er seinen alten braunen Anzug gegen einen grünen Seidenanzug eintauscht.

Voll Enthusiasmus macht sich Baratte an seine Aufgabe, heuert Arbeiter an und setzt sein Projekt mit technokratischem Selbstverständnis in Gang. Voll Begeisterung ruft sein Stellvertreter: «Sie werden Plätze nach uns benennen. Die Männer, die Paris gereinigt haben.» Und ein anderer Freund erklärt: «Wir werden die Geschichte beseitigen. Die Geschichte hat uns lange genug behindert.»

Schon bald müssen die Männer, die sich der «Partei der Zukunft» zugehörig fühlen, jedoch feststellen, dass die Menschen am Hergebrachten hängen, selbst wenn es so unangenehm ist wie ein überfüllter Friedhof. Baratte gerät in eine existenzielle Krise, die ihn unter anderem dazu bringt, seine eigene Position zu überdenken und sich auch einen anderen Anzug zu kaufen.

Vier Jahre nach der Romanhandlung begann die Französische Revolution, und jeder wird den Roman in Kenntnis dessen lesen, was dann kam. Die Zerstörung der Vergangenheit und die Umwertung aller traditionellen Werte führten zu Tod und Chaos. Und der Arzt Guillotin, der im Roman noch als hilfreicher Samariter wirkt, wird in Erinnerung bleiben als Erfinder einer Tötungsmaschine.

Miller erzählt die Geschichte bei aller Symbolik und Philosophie in einer erstaunlich plastischen und konkreten Weise. Die Enge der Gassen, die Ausdünstungen des Friedhofs wie der Menschen, ihre Körperlichkeit und auch ihre alltägliche Existenz werden im Roman erlebbar. Dabei ist «Friedhof der Unschuldigen» durchaus kein realistisches Buch. Immer wieder verliert sich Baratte in Träumereien, und auch der Erzählstil gibt den Fokus auf historische Fakten auf zugunsten einer Vagheit, die dem Thema erstaunlich angemessen ist.

Andrew Miller: Friedhof der Unschuldigen. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 381 Seiten, Euro 21,90, ISBN 978-3-552-05644-2

Seite zu Andrew Miller beim Hanser Verlag

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