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Literatur : Spitzname «Einstein», Urlaub im Zirkuswagen - Hawking ganz privat

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Nobelpreisanwärter, Popstar der Astrophysik, Bestsellerautor - und geschlagen mit einer fürchterlichen Krankheit. Wohl kaum ein Wissenschaftler erreicht die Menschen außerhalb seiner Forschergemeinde so wie Stephen Hawking.

Seinem Bild fügt der Brite mit seiner Biografie «Meine kurze Geschichte» (Rowohlt) jetzt eine neue Facette hinzu: als Privatmensch, der sein Leben Revue passieren lässt. Ihm ist ein weises, humorvolles Porträt geglückt. Fotos zeigen das Genie als Baby, bei seiner Hochzeit - und schwerelos.

Sein Vater entstamme einer bäuerlichen Familie, sei aber wegen des bankrottgegangenen Großvaters Tropenmediziner geworden, schreibt Hawking. «Ich wurde am 8. Januar 1942 geboren, genau dreihundert Jahre nach Galileis Tod.» Er sei eifersüchtig auf seine erste Schwester Mary gewesen und ein eifriger, wenn auch nicht sonderlich geschickter Bastler. Sein Vater sei extrem sparsam gewesen. So habe die Familie zum Entsetzen der Nachbarn eine Wellblechbaracke als Garage neben das Haus gebaut und die Ferien in einem alten Holzwägelchen an der britischen Südküste verlebt. «Bis 1958 verbrachten wir dort unsere Sommerferien, dann gelang es dem Grafschaftsrat schließlich, den Zigeunerwagen entfernen zu lassen.»

Sein Start in die frühkindliche Bildung sei holprig gewesen: «In meiner frühesten Erinnerung stehe ich im Kindergarten Byron House in Highgate und schreie mir die Lunge aus dem Hals». Erst eineinhalb Jahre später hätten seine Eltern einen erneuten Versuch mit einer Kindertagesstätte versucht. Wegen der modernen Lernmethoden seiner Schule habe er erst mit acht Jahren lesen gelernt.

Seine Klassenkameraden hätten ihn «Einstein» genannt, mit den sechs oder sieben guten Freunden aus dieser Zeit stehe er bis heute in Verbindung. Immer sei er getrieben worden vom Drang, «herauszufinden, wie die Dinge funktionieren, und sie zu beherrschen». Ständig habe er Sachen auseinandergenommen, um sie zu ergründen. «Aber nur selten ist es mir gelungen, sie wieder richtig zusammenzusetzen», gesteht Hawking. «Seit ich mit meiner Promotion begann, konnte ich dieses Bedürfnis in der kosmologischen Forschung stillen», schreibt der 71-Jährige. «Wenn man weiß, wie das Universum funktioniert, beherrscht man es in gewisser Weise.»

Seinen Eltern sei sein Bildungsweg immer sehr wichtig gewesen - wegen einer Erkrankung habe er allerdings die Aufnahmeprüfungen einer Oberschichtschule verpasst. Traurig sei er darüber nie gewesen, denn zumindest in der Physik entstünden daraus keine Nachteile. «Es spielt keine Rolle, welche Schule man besucht hat oder wen man kennt - entscheidend ist, was man macht», schreibt Hawking.

Seine Familie verbrachte ein Jahr in Indien, während Hawking in Großbritannien sein Abitur machte, sich um einen Studienplatz bewarb und an der Universität Oxford akzeptiert wurde. Fleißig zu sein, habe dort als verpönt gegolten. «Ich habe einmal ausgerechnet, dass ich in den drei Jahren in Oxford ungefähr tausend Stunden gearbeitet habe, was einem Durchschnitt von einer Stunde pro Tag entspricht.»

Auf einen Schlag aber sei es mit all solchen Attitüden vorbei gewesen - als kurz nach seinem 21. Geburtstag ein unheilbares Nervenleiden diagnostiziert wurde: Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Mit dem Tod vor Augen habe er begriffen, wie viele Dinge es noch gab, die er tun wollte. Und er habe seine erste Frau Jane Wilde kennengelernt, Mutter seiner drei Kinder Robert, Lucy und Tim. Beruflich sei sein großes Glück gewesen, dass er einen Weg als Theoretiker und nicht als Experimentator eingeschlagen hatte.

Hawkings Ideen und Theorien nehmen einen großen Teil des 160 Seiten langen Büchleins ein. Er berichtet über den Wandel kosmologischer Theorien und erläutert, dass die den Schwarzen Löchern zugrundeliegende Idee schon mehr als 200 Jahre alt ist und auf den Cambridge-Professor John Michell zurückgeht. Seine eigene Arbeit dazu habe 1970 einige Tage nach der Geburt Lucys begonnen.

Sein Sohn Tim kam 1979 zur Welt, als Hawking schon schwer gezeichnet von seiner Krankheit und auf einen Rollstuhl angewiesen war. Seine Frau habe zunehmend Depressionen und Zukunftssorgen gehabt und sei schließlich eine Beziehung mit einem Musiker eingegangen. Da er selbst mit seinem baldigen Tod rechnete, habe er dies verstanden und akzeptiert, schreibt Hawking. Er erzählt, wie er 1985 bei einer Reise zum Schweizer Forschungszentrum Cern eine Lungenentzündung bekam. Sein Zustand sei so schlecht gewesen, dass die Ärzte vorgeschlagen hätten, das Beatmungsgerät abzuschalten - dem «Nein» von Jane habe er sein Leben zu verdanken.

Sprechen konnte Hawking seither nicht mehr - ein Programm zur Wörterauswahl per Handsteuerung erhielt ihm die Möglichkeit zur Kommunikation. Heute schaffe er mit einem solchen Programm bis zu drei Wörter je Minute. «Dank dieses Systems habe ich sieben Bücher und eine Anzahl wissenschaftlicher Aufsätze geschrieben.» 1990 zog Hawking in eine Wohnung mit seiner Krankenschwester Elaine, 1995 heiratete er sie. Die Ehe sei «leidenschaftlich und stürmisch gewesen», Elaine habe ihm zudem mehrfach das Leben gerettet. Die vielen gesundheitlichen Krisen hätten aber an ihrer Widerstandskraft gezehrt, die Ehe sei deshalb 2007 geschieden worden.

Hawking erzählt auch, wie die Idee für sein populärwissenschaftliches Buch «Eine kurze Geschichte der Zeit» entstand. Es wurde in 40 Sprachen übersetzt und rund zehn Millionen Mal weltweit verkauft. Er könne heute gelassen auf sein Leben zurückblicken, resümiert Hawking versöhnlich und ohne Bitterkeit. «Ich war zweimal verheiratet und habe drei wundervolle, großartige Kinder.» Seine wissenschaftliche Laufbahn sei sehr erfolgreich gewesen, die meisten theoretischen Physiker stimmten seinen Vorhersagen zu Schwarzen Löchern zu. Um den Nobelpreis - für den es experimenteller Nachweise bedarf - sei es zwar schade, er freue sich aber über den viel wichtigeren Fundamental Physics Prize.

Er sei viel gereist, führt Hawking weiter aus, nach Russland, Japan und China zum Beispiel. Er sei U-Boot und Heißluftballon gefahren und habe gar einen Schwerelosigkeitsflug absolviert. Ihm sei klar, dass er das Klischee des behinderten Genies verkörpere - das mindere aber nicht seine Freude über die aufrichtige Begeisterung seines Publikums wie etwa bei der Moderation der Paralympics 2012 in London. «Ich hatte ein gutes und erfülltes Leben.»

Infos zum Buch auf Hawkings Seite

Infos zum Buch bei Rowohlt

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erstellt am 10.Sep.2013 | 14:31 Uhr

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