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Literatur : Skandinavische Krimis und ihre Anti-Helden

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Henning Mankell, Håkan Nesser, Jo Nesbø, Jussi Adler-Olsen, Åsa Larsson, Arne Dahl, Anne Holt und Liza Marklund: Die Liste der skandinavischen Star-Autoren wird immer länger. Und der Appetit auf schwedische, norwegische oder dänische Krimis ist nicht nur in Deutschland ungestillt.

shz.de von
erstellt am 20.Aug.2013 | 09:32 Uhr

Als der norwegische Erfolgsautor Jo Nesbø im Juni seinen neuen Harry-Hole-Roman «Politi» (Deutscher Titel «Koma») veröffentlichte, war die erste Auflage von 270 000 Büchern nach nur zwei Tagen vergriffen. Kein anderes Buch hat sich in Norwegen so schnell verkauft. Im August hat rechnerisch bereits jeder 12. Norweger den Krimi auf dem Nachttisch liegen. «Wir lesen einfach sehr viel», erklärt Trine Stensen vom norwegischen Buchhändlerverein den Run. Und ein Krimi-Fan lese ohnehin mehr als der Durchschnitt.

Doch das kann nicht alles sein.

Der skandinavische Krimi ist anders. Keine verschmitzte Miss Marple, kein ruhiger und scharfsinniger Inspector Barnaby und auch kein einfühlender Kommissar Maigret lösen hier die Mordfälle. Die meisten skandinavischen Ermittler sind ungelenke Kerle mit einer Menge persönlicher Probleme - Typ gesellschaftlicher Außenseiter.

Nicht ganz zufällig nennt der dänische Bestseller-Autor Jussi Adler-Olsen seinen unorthodoxen Protagonisten im Sonderdezernat Q Carl Mørck: «Mørk» ist das dänische Wort für «dunkel». Mørck hat sein Büro im Keller der Polizeizentrale, weil keiner seiner Kollegen mit ihm zusammenarbeiten will. Henning Mankells depressiver Kurt Wallander ist zwar nicht unbeliebt, aber gesunde Beziehungen - vor allem zu Frauen - kann auch er nicht aufbauen. Genausowenig ist Jo Nesbøs Alkoholiker Harry Hole ein klassischer Held.

«In jeder Geschichte, ob in einem Buch, einem Film oder einem Theaterstück, geht es um Konflikte», erklärt Jo Nesbø. «In einem Krimi gibt es einen Konflikt an der Oberfläche - ein Mordfall muss gelöst werden -, aber viel interessanter ist der innere Konflikt, und dafür braucht man eine Figur, die sich dafür eignet.» Sein Ermittler Harry Hole entspricht dem absolut: in der Liebe gescheitert, beruflich am Rande der Legalität, und sein treuester Begleiter heißt Jim Beam.

«Fast alle skandinavischen Krimis haben eine düstere, melancholische Grundstimmung und einen Ermittler, der eine Last mit sich trägt», hat auch der Übersetzer Max Stadler festgestellt. Der 31-Jährige hat eine ganze Reihe von dänischen, schwedischen, norwegischen, aber auch französischen und amerikanischen Autoren ins Deutsche übersetzt und kann vergleichen. «Bei den Skandinaviern geht es meistens nicht so sehr um den Mordfall, sondern um die Hauptperson, und die ist sehr komplex. Wenn man eine gute Hauptperson hat, dann läuft auch die ganze Reihe.»

Jo Nesbø, Jussi Adler-Olsen und Håkan Nesser sind die besten Beispiele. Jede ihrer Neuerscheinungen hüpft auf Anhieb in die skandinavischen Bestsellerlisten. Der Erfolg regt viele zum Nachahmen an. Vor allem in Stockholm gibt es eine ganze Reihe an Kursen, in denen das Krimischreiben systematisch gelernt wird. Und so kommen immer neue Autoren auf den Markt.

Aber warum sind gerade die Skandinavier so erfolgreich, wo sie doch die Idylle von Bullerbü und Saltkrokan in einen Moloch verwandeln, der von Menschenhandel, Drogen, Prostitution und Ausländerhass dominiert wird?

Der Übersetzer Stadler sieht in den düsteren Krimis und unserem Skandinavien-Bild keinen Widerspruch. «Der Deutsche hat eine Grundsehnsucht nach dem Licht und der Landschaft im Norden, und die wird dem Leser nicht genommen. Der skandinavische Krimi ist sanft. Es gibt selten wirklich schockierende Beschreibungen.» Selbst die Gesellschaftskritik, die in vielen Büchern geäußert werde, belaste den deutschen Leser nicht. «Wenn Wallander über Politik sinniert, dann betrifft mich das nicht.»

In Skandinavien selbst ist das etwas anderes. «Viele Autoren haben etwas zu sagen», ist die Buchhändlerin Tone Ravlo von der Kette Tanum in Oslo sicher. Sie seien Historiker, Journalisten, Anwälte oder Hochschulprofessoren gewesen, bevor sie begannen, Krimis zu schreiben. Auch Jo Nesbø ist sicher, viele skandinavische Autoren nutzten den Krimi nur als Werkzeug für ihr Talent, Geschichten zu erzählen. Auch wenn man damit wohl nicht den Literaturnobelpreis gewinnen könne. «Oder vielleicht doch?»

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