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Literatur : Sieben Essays: Anderthalb Jahre «sterbend leben»

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«Wenn ich mich bekehre, dann deswegen, weil es besser ist, dass ein Gläubiger stirbt als ein Atheist.»

shz.de von
erstellt am 30.Jul.2013 | 15:11 Uhr

Diesen Satz notiert Christopher Hitchens irgendwann zwischen Krebsdiagnose und Tod. Und er zeigt, dass der spitzfedrige Journalist auch im Angesicht des eigenen Endes nicht an seiner Überzeugung rüttelt.

Nun ist postum der autobiografische Essay-Band «Endlich. Mein Sterben» erschienen.

Der 1949 in England geborene Hitchens war neben Richard Dawkins («Der Gotteswahn») einer der bekanntesten Religionskritiker. Sein Bestseller «Der Herr ist kein Hirte» erschien 2007. Zeit seines Lebens liebte er die gesellschaftliche Kontroverse: Der Papst, Mutter Teresa, Henry Kissinger, das britische Königshaus - niemand war vor seinem Urteil gefeit. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 brach er mit der amerikanischen Linken und unterstützte den Einmarsch der USA im Irak und in Afghanistan. Ende 2011 starb er mit 62 Jahren im texanischen Houston.

Frühsommer 2010: Seine Memoiren «Hitch-22» erobern gerade die amerikanischen Bestsellerlisten. Hitchens erwacht an einem New Yorker Morgen und fühlt sich, als sei er am «eigenen Leichnam festgekettet». Die Fahrt ins Krankenhaus nennt er die «Deportation aus dem Land der Gesunden (...) ins Territorium der Krankheit». Es geht nach «Tumorhausen». Diagnose Speiseröhrenkrebs, «die böseste aller Nachrichten».

In «Endlich. Mein Sterben» muss sich Hitchens mit einem neuen Thema beschäftigen: seinem Krebs - ein vorhersehbares und geistloses Los, «dass es selbst mich langweilt». Gesoffen und geraucht hat er, «bewusst die Kerze an beiden Enden brennen lassen». In seiner «neuen Heimat», wie er es nennt, «ist der Humor ein wenig schwach, (...) von Sex ist kaum die Rede, und die Cuisine ist die schlechteste aller Länder». Für einen Genießer wie ihn ist das die Trivialität der Krankheit.

Mit bekanntem Verve polemisiert Hitchens - erst gegen den Krebs, dann gegen fromme Wohlgesinnte, die ihn in ihre Gebete einschließen wollen. Er berichtet vom Verlust seiner Stimme, der «Amputation eines Teils der Persönlichkeit», mit der er Debatten vorantrieb und anstieß. «Dass die Leute mir "mitfühlend" zuhören», müsse er nun ertragen. «Ich kann nicht mehr lange», schreibt er. Er sehnt sich nach seiner verlorenen «Redefreiheit».

In sieben Essays geht es um seine Freunde, seine Mitmenschen, immer aber um seinen Körper, die Veränderungen, die Auswüchse von Krebs und Chemotherapien, die Medikamentierung. Neben banalen («Werde ich meine American-Express-Karte überleben?») streift Hitchens philosophische Fragen - wie über den Wahrheitsgehalt der Durchhalteparole vom Nicht-Umbringen und Stärker-Machen.

«Ich vermisse seine vollkommene Stimme», schreibt Hitchens' Frau Carol Blue im Nachwort des Bandes. Als «sterbend leben» habe er sein Dasein während der 19 Krebs-Monate bezeichnet. Ihr Nachwort erdet in gewisser Weise die vorangegangenen Essays. Sie zeigt Hitchens, den Familienmenschen, den Träumer und Optimisten («Ich bin bald wieder zuhause»). Es ist der andere Blick, der Blick auf den Kranken.

Seinen Essays schließen sich unvollendete Notizen an, die sich Hitchens im Krebszentrum in Houston gemacht hat. «Ich muss äußerste Sorgfalt daransetzen, nicht selbstmitleidig oder egozentrisch zu sein.» Das hat er eingehalten. «Endlich. Mein Sterben» ist ein immer leiser werdender Abschied eines ehemals lauten Mannes.

- Christopher Hitchens: «Endlich. Mein Sterben». Pantheon Verlag, 128 S., 12,99 Euro, ISBN 9783570552186

Pantheon über «Endlich»

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