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Literatur : Schöner Gigolo, armer Gigolo: «Dreimal im Leben»

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Tango und Schach könnten gegensätzlicher wohl kaum sein. Auf der einen Seite Leidenschaft und Hingabe, auf der anderen Logik und Kalkül.

shz.de von
erstellt am 19.Aug.2013 | 00:17 Uhr

In Arturo Pérez-Revertes Roman «Dreimal im Leben» spielt beides eine entscheidende Rolle. Er beginnt mit einem furiosen Tango in Buenos Aires und endet mit einer Schachweltmeisterschaft in Sorrent. Zwischen diesen beiden extremen Polen entfaltet sich eine Liebe, die Räume und Zeiten zu überbrücken weiß.

Pérez-Reverte, der vor zwanzig Jahren mit seinem Buch «Der Club Dumas» den Durchbruch schaffte (später von Polanski unter dem Titel «Die neun Pforten» mit Johnny Depp verfilmt), versetzt uns in seinem nostalgischen Roman zurück in eine versunkene Zeit. Es ist die Epoche der Eintänzer, der Gigolos. Nach dem Ersten Weltkrieg waren dies meist arbeitslos gewordene Offiziere, die sich in Tanzcafés den Damen anboten. Hier heißt der Eintänzer Max Costa und sein Revier ist ein Luxusliner.

Costa ist kein verarmter Aristokrat. Clever und nicht immer ganz legal hat er sich aus einem Kleinleuteviertel von Buenos Aires nach oben gearbeitet. Anrüchige Jobs und eine traumatische Zeit als Fremdenlegionär hat er hinter sich gelassen und im Kontakt mit reichen Frauen seine Manieren und Menschenkenntnis verfeinert. Er ist ebenso charmant wie mit allen Wassern gewaschen, ein Filou wie er im Buche steht. Auf der Überfahrt nach Buenos Aires lernt er die reiche und schöne Mecha Inzunza kennen. Ihr Mann ist ein berühmter Komponist, der auf der Suche nach dem perfekten Tango ist.

Max und Mecha fühlen sich sofort zueinander hingezogen. In einer heruntergekommenen Tanzbar in Buenos Aires macht er die elegante Gesellschaftsdame mit dem Tango alter Schule bekannt, jenem harten, unverfälschten Tango der Vorstädte, bevor er in den Pariser Salons gezähmt wurde. Einem heftigen, sinnlichen Abend folgt die abrupte Trennung. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs trifft Max seine frühere Geliebte unter völlig veränderten Umständen in Nizza wieder. Mechas Ehemann sitzt in Spanien im Gefängnis, Max selbst wird in undurchsichtige und gefährliche Spionagetätigkeiten der spanischen Bürgerkriegsparteien hineingezogen. Die Liebe zu Mecha entflammt erneut.

Fast vierzig Jahre später ist Max Costa ein gealterter, vom Leben gebeutelter Mann: «Sein Charisma ist dahin und gehört, wie so vieles andere, der Vergangenheit an.» Seine Welt existiert nicht mehr: «Jenes alte Europa, das in den Tanzcafés und Ballsälen den "Bolero" von Ravel und den "Tango de la Guardia Vieja" tanzte, ließ sich nun nicht mehr durch ein Champagnerglas beobachten.» In Sorrent hat er als Chauffeur eines reichen Schweizers immerhin eine auskömmliche Stellung gefunden.

Da begegnet er Mecha wieder. Sie ist jetzt Mutter und Managerin eines Schachgenies. Der entscheidende Wettkampf steht vor der Tür und Mecha stellt Max, ihren «bezaubernden Schwindler», noch einmal auf die Probe. Elegant und geschliffen wie die Welt, die er darstellt, ist auch die Sprache von Arturo Pérez-Reverte. In der raffinierten Komposition des Romans erweist sich der Spanier ebenfalls als gereifter Autor.

«Dreimal im Leben» ist jedoch viel mehr als ein schöner Gesellschaftsroman, der uns an alte Filmklassiker und mondäne Gentlemandiebe wie Cary Grant in «Über den Dächern von Nizza» denken lässt. Er ist auch mehr als eine wunderbare Einführung in den Tango. Der Roman ist ebenso sinnlich wie wehmütig. Denn alles - auch die Macht der Liebe - unterliegt am Ende der Vergänglichkeit.

Arturo Pérez-Reverte: Dreimal im Leben. Insel Verlag, Berlin, 525 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-458-17580-3

Arturo Pérez-Reverte

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