zur Navigation springen

Literatur : Schmöker mit Anspruch: Capus bleibt auf Erfolgskurs

vom

Alex Capus hat eine romantischen Spionagethriller geschrieben, ein Buch über den Bau der Atombombe, ein Essay über die Grenzen zwischen künstlerischer Interpretation und bewusster Fälschung sowie drei Biografien. Und das alles in einem Buch mit nicht einmal 300 Seiten.

shz.de von
erstellt am 30.Jul.2013 | 14:11 Uhr

Es ist ein Buch, bei dem man nicht leicht zum Lesezeichen greifen mag, denn da lockt die nächste Wendung.

«Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer» fesselt wie ein Schmöker und ist doch anspruchsvoll wie der Wissenschaftsteil guter Zeitungen. Wem derartiges gelingt, dem traut man zu, Kassen klingen zu lassen. Der Hanser Verlag in München hat den neuen Roman des 1961 in Frankreich geborenen Schweizers jetzt mit der beachtlichen Startauflage von 100 000 Exemplaren auf den Markt gebracht.

Das dürfte jedoch kein allzu großes Wagnis sein, bedenkt man Capus' Erfolg mit dem Liebesroman «Léon und Louise», der 2011 für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Spätestens mit diesem aus der eigenen Familiengeschichte geschöpften Buch habe der Autor ein «eigenes Genre» geschaffen, lobte der Zürcher «Tages-Anzeiger»: Den historischen Roman, der «leicht und elegant durch das Terrain der Vergangenheit pflügt».

Auch diesmal ist dem Erzähler eine ebenso interessante wie elegante Verquickung zeitgeschichtlicher und biografischer Daten mit Fiktivem gelungen. Mit sich selbst bei gelegentlichen Ich-Auftritten als Weggefährte des Lesers. Dem gesteht Capus seine persönliche - wenngleich etwas oberflächlich wirkende - Anteilnahme am Schicksal der Helden: «Ich mag das Mädchen», so beginnt das Buch. «Mir gefällt die Vorstellung, dass sie im hintersten Wagen des Orient-Express in der offenen Tür sitzt, während silbern glitzernd der Zürichsee an ihr vorüberzieht.»

Über das Lebensende der Romanheldin Laura d'Oriano (1911-1943) berichtet er später mit kühler Sachlichkeit: «Der Kommandant des Exekutionspelotons verlas das Urteil. Um 07 Uhr 07 wurde es vollstreckt.» Da allerdings bedarf es keiner virtuosen Dosierung anschaulicher Details mehr, die Capus so gut beherrscht. Längst ist man hingerissen von der Geschichte dieser lebenshungrigen Frau, die von einer Sängerinnenkarriere träumt, am Ende jedoch als Spionin in Rom zum Tode verurteilt und tatsächlich - als einzige Frau im faschistischen Italien - hingerichtet wird.

Nicht ganz so dramatisch, doch allemal fesselnd, sind die Biografien der beiden anderen Gestalten: Felix Bloch (1905-1983), der hochbegabte Zürcher Physiker, der vom Pazifisten zu einem wichtigen Helfer der Amerikaner beim Bau der Atombombe wird. Und Emile Gilliéron (1885-1939), der begnadete Zeichner, der Lücken in archäologischen Funden auf Wunsch ihrer renommierten Entdecker mit seiner Kunst ergänzt und zu einem geschönten Bild der Antike zusammenfügt.

Immer wieder ist man versucht zu googeln: Was ist wahr, was hat Capus sich zurechtgelegt? Doch wer dem nachgibt, steigt zumindest zeitweilig aus der über weite Strecken atmosphärisch dichten Romanwelt des «faktenreichen Träumens» aus, wie der Verlag den Erzählstil von Capus nennt.

Ein paar Kleinigkeiten sind erfunden - vor allem die flüchtige Kreuzung der drei Lebenswege im Jahr 1924 auf dem Zürcher Bahnhof. In Wirklichkeit sind sich Laura, Emile und Felix nie begegnet. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Ideale und Träume haben, die der Realität nicht standhalten. Das geht freilich fast allen Menschen so. Wobei jeder Niederlagen auf seine Weise erlebt und verkraftet - oder daran zugrunde geht.

- Alex Capus: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. Hanser Verlag, München, 288 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-446-24327-9

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen