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Literatur : «Schattenkind» - Tragödie während des Breivik-Attentats

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Zwei Verbrechen geschehen zur selben Zeit. Das eine zerstört eine Familie, das andere trifft ein ganzes Land. Mit «Schattenkind» wagt es die norwegische Autorin Anne Holt, einen Krimi während der Terroranschläge in Oslo und Utøya spielen zu lassen.

Sensibel stellt sie ein grausames Verbrechen in den Schatten eines anderen. Dabei geht es um ein Thema, das es nicht verdient hat, in den Schatten gestellt zu werden.

Während um sie herum der Terrorist Anders Breivik das Land in einen Schockzustand versetzt und 77 Menschen tötet, hält eine Mutter im noblen Osler Wohnviertel Grefsen schreiend ihr lebloses Kind im Arm. Alles deutet darauf hin, dass der achtjährige Sander - ein ADHS-Kind - von einer Trittleiter fiel. Auch Polizeipsychologin Inger Johanne Vik glaubt zunächst an einen Unfall. Nur ein unbeholfener junger Polizist wittert ein Verbrechen - und soll recht behalten.

Holt schreibt ihr bisher schwierigstes Buch - das letzte mit Kriminalpsychologin Vik - über Kindesmisshandlung. Kinder seien die schwächste Gruppe der Gesellschaft und vollkommen schutzlos, begründete sie der norwegischen Zeitung «Dagbladet». «Solche Fälle kommen selten vor Gericht und es gibt große Dunkelziffern.»

Einfühlsam und beeindruckend gewaltlos beschreibt Holt die Psychologie dieser Familie, die Masken und eingespielten Schutzmechanismen, kleine Zeichen für Missbrauch, die erst auffallen, als alles zu spät ist.

Das allein wäre stark genug gewesen. Auch ohne den Hintergrund des Breivik-Attentats, das Holt unnötigerweise immer wieder einfließen lässt. Mit Rauchwolken über der Osloer Innenstadt, besetzten Telefonleitungen, einem psychologisch angeschlagenen Verhör-Experten, einer unterschwelligen Angst. Automatisch wiegt man die beiden Verbrechen gegeneinander auf und vergleicht, was man nicht vergleichen kann: ein Familiendrama mit dem Leid einer ganzen Nation.

«Ich habe absolut keine Angst, das Buch an diesem Tag beginnen zu lassen», sagte Holt in einem «Dagbladet»-Interview. «Es gab auch andere Todesfälle an diesem 22. Juli. Ich benutze diesen Zeitraum um eine ganz andere Geschichte zu erzählen.»

Doch die Verbindung beider Verbrechen wirkt wenig durchdacht. So beschreibt Holt die Attentate im Osloer Regierungsviertel und auf der Insel Utøya nur vage. Kaum wird deutlich, dass auch hier vor allem Kinder starben. Nur wenn man das weiß, wirkt «Schattenkind» stark. Indem es zeigt, dass Terror in der Familie und der Gesellschaft zwei Seiten einer Medaille sind. Indem es Licht auf den immer sinnlosen Tod von Kindern wirft.

- Anne Holt, Schattenkind, Piper Verlag, München, 352 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-492-05396-9

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erstellt am 16.Okt.2013 | 14:17 Uhr

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