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Literatur : Sarah Stricker: Nichts ist so gefährlich wie die Liebe

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Die deutsche Autorin Sarah Stricker (32) ist vor vier Jahren mit einem Stipendium nach Israel gekommen und hat sich zum Bleiben entschieden. Jetzt ist ihr Debütroman «Fünf Kopeken» erschienen.

Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa erzählt die 32-jährige Pfälzerin aus ihrem Leben.

Frage: Wie kommt es, dass Sie in Israel leben?

Antwort: Das hat wahrscheinlich schon mit dem Tag begonnen, als meine Eltern entschieden haben, mich Sarah zu nennen. Als ich ein kleines Mädchen war, hat mich einmal eine alte Frau im Dorf zur Seite genommen, sehr geheimnisvoll getan und mir erzählt, dass Sarah ein jüdischer Name sei. Daraus hat sich bei mir die fixe Idee entwickelt, dass ich Jüdin sein könnte und meine Eltern mir die Wahrheit vorenthalten - was sich schnell als Unsinn herausgestellt hat. Aber das Interesse für Israel ist geblieben, und als ich dann schließlich zum Arbeiten hier hergekommen bin - ursprünglich eigentlich nur für zwei Monate - habe ich mich Hals über Kopf in das Land verliebt.

Frage: Welchen Einfluss hat es für eine Schriftstellerin, in einem fremden Kulturkreis und weit entfernt von der Muttersprache zu arbeiten?

Antwort: Ich hatte am Anfang wahnsinnige Angst davor, das Deutsche zu verlieren. Aber tatsächlich hat sich die Distanz eher als Vorteil herausgestellt. Ich habe das Gefühl, dass sich, dadurch, dass ich in einer fremden Sprache eingeschlossen bin, das Sprachbewusstsein enorm schärft und einem vieles typisch Deutsche erst wirklich klar wird.

Frage: Ihr Erstlingswerk «Fünf Kopeken» ist gerade erschienen und schon ausgezeichnet worden. Als Leser fragt man sich, wie autobiografisch ist das Werk, wieviel von Ihnen steckt in den Protagonisten?

Antwort: Faktisch ist es keine autobiografische Geschichte. Aber wie Alex, einer meiner Protagonisten, einmal sagt: Nur weil eine Geschichte erfunden ist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht wahrhaftig ist. Im Gegenteil, eher ist es so, dass in den Lügen, die wir über uns erzählen, oft mehr Wahrheit steckt, als wenn wir versuchen, ehrlich zu sein. So ist es auch hier: Die Themen und Gefühle, über die ich schreibe, sind natürlich die, die mich schon mein Leben lang beschäftigen. Auch ich kenne das Gefühl, funktionieren zu müssen, diese ganze Blick-nach-vorne-Mentalität, die Unfähigkeit, einfach mal nichts zu tun und stattdessen den Druck, immerzu etwas müssen zu müssen.

Frage: Es geht ja in dem Buch zentral um die Beichte einer sterbenden Mutter an ihre Tochter. Haben Sie persönlich Erfahrungen damit, einen Menschen auf dem letzten Weg zu begleiten?

Antwort: Nicht so, wie es im Buch ist. Aber in Israel kümmere ich mich zum Beispiel als Teil eines Freiwilligen-Dienstes um eine Holocaust-Überlebende, die ich einmal die Woche besuche, und da erlebe ich oft, dass es bei Menschen, die wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben, ein unheimliches Bedürfnis gibt, reinen Tisch zu machen, Dinge zu erzählen, die sie schon seit Jahren mit sich herumschleppen, auch unangenehme Dinge. Die Frage, die immer im Raum steht, ist: Wer bin ich eigentlich? Und warum bin ich der, der ich bin. Dieser Wunsch, sich das eigene Leben von jemandem beglaubigen zu lassen, ist auf jeden Fall etwas, was ich bei ihr sehr miterlebe und das in den Roman mit eingeflossen ist.

Frage: Das Buch beginnt mit dem Satz «Meine Mutter war sehr hässlich». Welche Bedeutung hat die äußere Erscheinung in dem Werk und vielleicht auch allgemein?

Antwort: Ich habe das Gefühl, dass dieser Satz ein Riesen-Tabu ist. Bei den ersten Lesern habe ich immer wieder festgestellt, dass es ihnen unmöglich ist, diese Aussage einfach zu akzeptieren. Man fragt sich sofort: Könnte es nicht sein, dass die Mutter eigentlich doch schön ist und die Erzählerin, die ja ihre Tochter ist, sie nur so darstellt, weil sie irgendeinen Groll gegen sie hegt? Mit diesem Tabu wollte ich spielen. Deshalb ist es in der Familie meiner Protagonistin genau umgekehrt: Hier wird Schönheit negativ gesehen. Der Großvater glaubt, Attraktivität sähe Oberflächlichkeit zu ähnlich. Für ihn steht Schönheit in Konkurrenz zum Verstand und deshalb steht für ihn vom Tag der Geburt seiner Tochter an fest, dass sie schlichtweg hässlich sein muss.

Frage: Das Thema Namen: Warum hat die wichtigste Figur - «meine Mutter» - keinen Namen, ihr «Objekt der Begierde», Alex, dagegen ganz viele?

Antwort: Ich glaube, dass Eltern in den Köpfen ihrer Kinder keine Namen haben. Die meisten von uns sehen sie nicht als vollständige Persönlichkeiten aus Fleisch und Blut mit Wünschen und Bedürfnissen, sondern nehmen sie nur als «Mama» und «Papa» wahr. Im Roman kommt dazu, dass das Leben «meiner Mutter» dermaßen von den Erwartungen der Großeltern überdeckt wird, dass sie tatsächlich kaum noch weiß, wer sie selbst ist. Alex dagegen hat unzählige Spitznamen - Sascha, Schura, Sinja - und ist für jeden ein Anderer. Wenn er bei der Mutter ist, ist er eiskalt, unter seinen Emigranten-Freunden witzig und herzlich.

Frage: Sie haben selbst eine Kette mit einem Fünf-Kopeken-Stück, wie Sie im Buch erwähnt wird. War das Teil der Inspiration für die Geschichte?

Antwort: Die ganze Geschichte hat sich um das Fünf-Kopeken-Stück herum entwickelt. Als ich noch in Berlin lebte und gerade erst drei, vier Seiten des Roman geschrieben hatte, kam ich eines sonntagmorgens plötzlich nicht mehr weiter. Um mich abzulenken, habe ich einen Spaziergang über den Flohmarkt am Mauerpark gemacht - und da ist mir diese Münze in die Hände gefallen. Plötzlich haben sich all die Ideen, die ich bis dahin mit mir herumgetragen hatte, zu einer Geschichte zusammengefügt. Ich habe die Münze dann gekauft und mir eine Kette daraus machen lassen, als Glücksbringer für den Roman, den es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht gab.

Frage: Die Personen in dem Buch, die zu stark lieben, haben darunter zu sehr zu leiden. Ist die Liebe etwas Gefährliches, vor dem man sich in Acht nehmen muss?

Antwort: Nichts ist so gefährlich wie die Liebe. Die Liebe überwältigt einen. Die Liebe bringt einen dazu, grandios unvernünftige Entscheidungen zu treffen, das ganze Leben für sie aufs Spiel zu setzen. Alle Waffen, die einem der Verstand sonst bietet, um sich zur Wehr zu setzen, werden durch die Liebe außer Kraft gesetzt. Bei Freunden ist das etwas anderes, da sucht man sich Menschen, die einen eher stärken. Aber verlieben, so richtig Hals über Kopf, tun wir uns auch in Menschen, die wir eigentlich gar nicht mögen. Im Buch ist es sogar so, dass meine Protagonistin einen Mann liebt, den sie im Grunde hasst.

Sarah Stricker

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erstellt am 21.Aug.2013 | 13:17 Uhr

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