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Literatur : Ruth Rendells Psychostudie: «Des Finders Lohn»

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Die Portobello Road im Londoner Stadtteil Notting Hill gilt als der schönste Straßenmarkt der Welt - behauptet Ruth Rendell. Und genau dorthin und in die nähere Umgebung hat die britische Krimi-Autorin die Handlung ihres neuen Romans verlegt.

Es geht um das Schicksal dreier Männer, von denen der eine einen Batzen Geld verliert, der andere ihn findet und der dritte ihn gern haben möchte. «Des Finders Lohn» sieht schließlich so ganz anders aus, als man annehmen möchte.

Im Mittelpunkt stehen Eugene Wren, ein erfolgreicher Galerist, der Kleinkriminelle Lance Platt und Joel Roseman, ein traumatisierter junger Mann, der mit sich und dem Leben nicht klar kommt, obwohl es ihm finanziell an nichts fehlt. Er ist es auch, der eine größere Summe Geld abhebt, dann aber eine Herzattacke erleidet und dabei sein Geld verliert. Eugene findet es und sucht per Anschlag den Besitzer. Lance will es haben, kann aber die exakte Summe nicht nennen und muss unverrichteter Dinge wieder abziehen. Ob Zufall oder Vorsehung - alle drei sind von dem Moment an miteinander verbunden - ohne es wirklich wahrzunehmen.

Eugene hat mit einer Sucht der besonderen Art zu kämpfen: Er ist versessen auf Süßigkeiten, die ihm allerdings Figurprobleme bereiten. Fortan bestimmt Chocorange, ein Bonbon ohne Zucker, sein Denken und Handeln. Lance, ungeliebt von Eltern und anderen Verwandten, lebt von staatlicher Unterstützung und dem, was er bei seinen Beutezügen erobert. Und Joel, ein Sonderling, dem sein Vater die Schuld am Tod der Schwester gibt, macht eine Nahtoderfahrung, die ihm auf Dauer einen Engel beschert, der ihn mehr oder weniger in den Wahnsinn zu treiben droht.

Wie sich die Drei durch ihre komplizierte Existenz quälen, ihre Macken und Neurosen pflegen oder bekämpfen, wie ihnen nahestehende Menschen in ihren täglichen Lebenskampf eingebunden sind und wie sich alle gegen jede Unbill behaupten, das alles hat die großartige Rendell so überzeugend und spannend geschildert, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann.

Die mit etlichen Auszeichnungen überhäufte und von der Queen geadelte Autorin hat auch in diesem Roman wieder die perfekte Balance zwischen Wesensanalyse und Ursachenforschung gefunden. Und da er ein Krimi ist, geschieht auf der und um die Portobello Road herum aber auch allerhand Schlimmes. Das Ende der Geschichte, das natürlich nicht vorweggenommen wird, ist so ganz anders als es vielleicht mancher erwartet. Letztendlich aber bekommt jeder den Lohn, den er sich verdient hat.

Rendell hat in ihren 83 Lebensjahren mehr als 45 Romane und etliche Erzählungen geschrieben, darunter auch die erfolgreich verfilmten Inspektor-Wexford-Geschichten. Ein Großteil wurde unter ihrem Pseudonym Barbara Vine veröffentlicht, das die Autorin vornehmlich für Thriller verwendet. Ihr neuer Roman reiht sich in die erfolgreiche Reihe der Psychostudien ein, die weniger auf kriminalistischer Spurensuche, sondern vor allem auf der Erforschung des menschlichen Antriebs zu Verbrechen basieren.

Dem herausgebenden Blanvalet Verlag kann mit dem in England bereits 2008 herausgebenen Rendell-Buch in diesem Jahr der nächste Coup gelingen, nachdem er sich schon im Februar die Rechte an Robert Galbraiths «Der Ruf des Kuckucks» sicherte. Bekanntlich stammt das unter Pseudonym geschriebene, in Deutsch aber noch unveröffentlichte Werk von niemand anderem als der Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling.

- Ruth Rendell: Des Finders Lohn. Blanvalet Verlag, München, 384 Seiten, 14,99 Euro, ISBN 978-3-7645-0341-3

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erstellt am 19.Aug.2013 | 00:19 Uhr

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