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Literatur : Robert Harris neuer Thriller «Intrige»

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Berlin (dpa) – Spione sind seit Jahrhunderten immer wieder übers Ziel hinausgeschossen und haben dadurch Regierungen und ganze Staaten ins Wanken gebracht.

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2013 | 13:21 Uhr

Robert Harris (56), der mit Romanen wie «Enigma» und «Aurora» ein feines Gespür für das Thrillerpotenzial vergangener Ereignisse bewiesen hat, zeigt in «Intrige», wie Ende des 19. Jahrhunderts eine Geheimdienstaktion Frankreich auf eine Zerreißprobe stellte.

Was war passiert? Eine Agentin hatte Dokumente aus der deutschen Botschaft in Paris herausgeschmuggelt, aus denen hervorging, dass es einen deutschen Spion im französischen Generalstab gab. Der Militärgeheimdienst legte sich schließlich auf Hauptmann Alfred Dreyfus als Täter fest. Dieser stritt zwar jegliche Schuld ab, aber er hätte an die Informationen kommen können, stammte aus dem von den verhassten Deutschen besetzten Elsass - und er war Jude und somit in der damaligen Gesellschaft besonders leicht als Opfer zu präsentieren.

Der Roman beginnt Anfang 1895 mit der öffentlichen Degradierung von Dreyfus und seinem anschließenden Transport auf eine Gefängnisinsel vor Südamerika. Damit verschwindet er als handelnde Figur weitgehend aus dem Buch und überlässt die zentrale Rolle dem Erzähler.

Georges Picquart wird unmittelbar nach diesen Ereignissen zum Leiter des Militärgeheimdienstes. Mühsam arbeitet sich der gewissenhafte Mann in die seltsame Welt der Agenten ein, die Papierschnipsel zusammenkleben, stehlen, lügen, fälschen und auch sonst alles unternehmen, um die gewünschten Resultate zu liefern. Allmählich wird ihm klar: «Es gibt keine Geheimnisse mehr – keine richtigen, nicht in der modernen Welt.»

Schon bald ist er sich sicher, dass weiter für Deutschland spioniert wird, und er identifiziert sogar den Schuldigen. Picquart verbeißt sich in seiner gründlichen Art in den Fall und kommt bald zu der Einsicht, dass Dreyfus nur durch den Einsatz gefälschter Dokumente zum Schuldigen gemacht werden konnte.

Harris entwickelt eine rasante Erzählung um Picquarts Versuche, seine Vorgesetzten dazu zu bewegen, den Fall unter Berücksichtigung seiner Erkenntnisse neu aufzurollen. Dabei verkennt der Offizier die Machtverhältnisse und Interessenlagen. Mehr und mehr wird er isoliert. Er kann sich nie sicher sein, wem er noch trauen kann und wer an seinem Untergang arbeitet. Wie verunsichert Picquart ist, formuliert Harris prägnant: «Nur weil die Regierung manchmal lügt, heißt das nicht, dass sie immer lügt.»

Immer wieder werden Picquarts Ermittlungen Gegenstand von Gerichtsverhandlungen, in denen er selbst zum Angeklagten an Dreyfus‘ Stelle wird. Die persönlichen Angriffe führen sogar zu einem Duell. Nach mehreren Jahren kommt es endlich zu einem großen Berufungsprozess gegen Dreyfus, in dem Picquart als Zeuge und hochemotionaler Beobachter beteiligt ist. Hier präsentiert der Roman ein Justizdrama allererster Güte.

Harris hatte in «Intrige» nur sehr begrenzte Freiheit bei der Entwicklung der Geschichte. Die historischen Fakten sind über die Jahrzehnte zu bekannt geblieben. Aber durch die Verlagerung der Perspektive auf die Figur Picquart eröffnet er sich die Möglichkeit zu dramatischen Entwicklungen und überraschenden Handlungssträngen. «Intrige» zeigt, mit welchen Mitteln Geheimdienste bisweilen arbeiten und zu welchen Zwecken sie eingesetzt werden können. Der Kontrast zwischen staatlichem Auftrag und moralischen Grundsätzen, der den Roman durchzieht, ist zeitlos.

Robert Harris: Intrige. Heyne Verlag, München, 622 Seiten, Euro 22,99, ISBN 978-3-453-26878-4

«Intrige» beim Heyne Verlag

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