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Literatur : Prinzessin zwischen den Welten: «Abschied von Sansibar»

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Als arabische Prinzessin auf Sansibar geboren, in Jena gestorben als Schriftstellerin und Witwe eines Hamburger Kaufmanns. Dazwischen 80 Jahre eines bewegten Lebens zwischen Fronten und Kulturen. Wer war Emily Ruete alias Salme von Sansibar? Die Frage ließ den Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann (69) nicht mehr los, seit Freunde ihm von einem Zimmer im Palastmuseum der ostafrikanischen Insel Sansibar erzählten, das dieser Frau gewidmet ist.

Hartmann recherchierte wie immer gründlich und rekonstruierte mit der Anschaulichkeit, die seine historischen Romane auszeichnet, das Schicksal jener interessanten und rätselhaften Frau. Als Emily Ruete 1886, mit 42 Jahren, in Berlin die «Memoiren einer arabischen Prinzessin» - die erste Autobiografie einer Araberin in der Literaturgeschichte - veröffentlichte, hatte sie weit mehr erlebt und bewältigt, als die meisten ihrer Leserinnen im kaiserlichen Deutschland.

Neu und einfühlsam von Hartmann erzählt, wirkt die oft exotisch anmutende Prinzessinnen-Saga immer noch aktuell - wie ein Beitrag zur heutigen Debatte um die Integration von Einwanderern aus fernen Welten. Dass die Story sich vor dem Hintergrund der kolonialen Ambitionen und machtpolitischen Ränkespiele Deutschlands und Großbritanniens in Ostafrika abspielt, macht den Roman «Abschied von Sansibar» nur noch lesenswerter.

«Und wie!», antwortete Hartmann auf die Frage der «Berner Zeitung», ob der Stoff denn für heutige Leser noch spannend sei. «Stellen Sie sich vor: Die verschleierte, behütete Sultanstochter Salme verliebt sich in einen weißen Europäer und wird von ihm unehelich schwanger, was nach dem Gesetz der Scharia den Ausschluss aus ihrer angestammten Familie und Welt bedeutet. Sie brennt mit ihm durch, konvertiert zum Christentum, nimmt einen neuen Namen an. Kaum ist sie in Deutschland, stirbt ihr Mann.»

In einem fremden Land muss sich die junge Witwe nicht nur irgendwie durchschlagen, sondern auch noch ihre drei Kinder großziehen. Hartmann erzählt die Lebensgeschichte der Prinzessin in Rückblenden durch die Erinnerungen ihrer Kinder. Vor allem ihres Sohnes Rudolph Said-Ruete, als dieser selbst schon fast 80 Jahr alt ist.

So beginnt der Roman über diese frühe Migrantin, die sich in einem ihrer Briefe nach Sansibar als «schlechte Christin und etwas mehr als eine halbe Deutsche» bezeichnet hatte, etliche Jahre nach ihrem Tod und kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese Perspektive hat Hartmann auch gewählt, weil sie ihm die Möglichkeit zu einem versöhnlichen Ausblick mit Winston Churchills Zürcher Nachkriegsrede und dessen Vision eines friedlichen Europa bietet - eines Europa freilich, dessen Umgang mit «exotischen» Migranten selbst heute noch gelegentlich kaum weniger problematisch erscheint als zu Zeiten der Prinzessin Salme von Sansibar.

- Lukas Hartmann: Abschied von Sansibar. Diogenes Verlag, Zürich, 336 Seiten, 22,90 Euro, ISBN 978-3-257-06867-2

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erstellt am 09.Okt.2013 | 16:17 Uhr

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