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Geschichte : Philosoph Theodor Lessing vor 80 Jahren ermordet

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Der Philosoph und Feuilletonist Theodor Lessing (1871-1933) war seiner Zeit weit voraus. Er gründete schon 1908 einen Antilärm-Verein, protestierte wenig später gegen die Abholzung der Regenwälder und verurteilte den Krieg, der auch durch den Einsatz von Giftgas unendliches Leid hervorgerufen hat.

«Seine Texte aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs sind hochaktuell», betont Elke-Vera Kotowski vom Moses Mendelsohn Zentrum an der Universität Potsdam. Die Politologin hat mit Studenten eine Lessing-Ausstellung konzipiert, die bis zum 5. September an der Uni Hannover zu sehen ist.

An diesem Wochenende jährt sich der Todestag des streitbaren deutsch-jüdischen Intellektuellen zum 80. Mal. In der Nacht zum 31. August wurde Lessing im Exil im tschechischen Marienbad hinterrücks von sudetendeutschen Nazis ermordet. Immer wieder ist zu lesen, die nationalsozialistischen Machthaber in Berlin hätten zuvor ein Kopfgeld von 80 000 Reichsmark ausgesetzt. Dies sei ein Mythos, für die Mörder habe es nicht mehr als ein Handgeld gegeben, sagt der Lessing-Biograf Rainer Marwedel.

Kay Schweigmann-Greve, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Hannover, sagt über Lessing: «Er ist als kritischer Publizist und Journalist ermordet worden. Das sind Dinge, die mit dem Nationalsozialismus nicht aufgehört haben.» Die DIG vergibt den Theodor-Lessing-Preis für aufklärerisches Handeln. Zuletzt erhielt Schauspielerin Iris Berben die Auszeichnung für ihr Engagement für die Verständigung zwischen Deutschland und Israel.

Zu Ehren von Lessing ist Ende September eine Lesung aus seinem Buch «Haarmann. Geschichte eines Werwolfs» im Amtsgericht Hannover geplant. Lessing verfolgte den Prozess gegen den Massenmörder 1924 als Berichterstatter für das «Prager Tagblatt» und stellte Haarmann nicht als Bestie, sondern als Produkt der Gesellschaft dar. Er untermauerte diese These mit der Tatsache, dass der Mörder von mindestens 24 jungen Männern ein Polizeispitzel war. Das Gericht schloss ihn von der Zuhörerschaft aus.

Marwedel forscht seit mehr als 30 Jahren über den Philosophen, Mediziner, Kritiker und Volkshochschulgründer. Der Soziologe arbeitet an einer auf 15 Bände angelegten wissenschaftlichen Gesamtausgabe. Nach den 2006 erschienenen «Nachtkritiken» sollen im kommenden Frühjahr ebenfalls im Wallstein Verlag zwei Teilbände unter dem Titel «Kultur und Nerven» erscheinen. Die Texte aus den Jahren 1908/09 umfassen 1000 Seiten. «Theodor Lessing war ein Philosoph, der allgemeinverständliche Texte veröffentlichte und das mit Witz und Humor, eine auch heute in Deutschland nur selten anzutreffende Form des Philosophierens», sagt Marwedel.

Der Philosophieprofessor mit einem Lehrauftrag an der Technischen Hochschule Hannover erregte Misstrauen, unter anderem weil er sich für die Arbeiterbildung einsetzte. 1925 machten völkische Studenten Stimmung gegen ihn. Grundlage war ein verkürzter, verfälschter Nachdruck eines Artikels, in dem Lessing vor den möglichen Folgen einer Wahl des betagten Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten warnte. Aufgrund der Proteste legte der Rektor Lessing nahe, die Vorlesungen aufzugeben, was er 1926 tat.

Die Universität Hannover ist dabei, ihre NS-Vergangenheit umfassend aufzuarbeiten. Lessing zählt zu den 47 Studenten, Mitarbeitern und Professoren, die von den Nazis diskriminiert und verfolgt wurden, wie die Hochschule im vergangenen Jahr mitteilte. In diesem November soll es für sie eine Gedenkfeier geben.

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erstellt am 30.Aug.2013 | 13:27 Uhr

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