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Literatur : Peer Steinbrücks Jahr in der Zirkusmanege

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Am Anfang steht ein Gedicht. Peer Steinbrück trägt es in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus unvermittelt vor.

Es stammt von Günter Grass. «Wenn du fertig bist, wenn man dich fix und fertig gemacht hat: flachgeklopft entsaftet zerfasert», trägt Steinbrück vor. «Wenn du (...) für immer aufgegeben hast, (...) dann stehe auf und beginne dich zu bewegen, dich vorwärts zu bewegen.»

Weder Steinbrück noch Nils Minkmar, der ihn ein Jahr begleiten würde, können damals ahnen, dass das Gedicht ziemlich genau die Lage des Kanzlerkandidaten und der SPD vorwegnehmen sollte. «Der Zirkus» heißt das Buch des Feuilletonchefs der «Franfurter Allgemeinen Zeitung» über Peer Steinbrücks Wahlkampf, das soeben im S. Fischer Verlag erschienen ist. Es lässt jetzt, wo die SPD trotz ihres zweitschlechtesten Wahlergebnisses in einer großen Koalition landen könnte, diesen seltsamen Wahlkampf lesenswert Revue passieren.

Der Kandidat als mitunter traurige Gestalt, der Fehler macht - und mit seinen Konzepten oft nicht durchdringt. Minkmar begleitet Steinbrück auf seiner Reise durch die Bundesländer und Europa, ist bei der Vorbereitung auf das TV-Duell dabei - und als am Wahlabend oben in der Vorstandsetage des Willy-Brandt-Hauses Tränen fließen. Er hält der SPD, der politischen Kultur und Medien den Spiegel vor. Er zeichnet Steinbrücks Hadern nach - und wie er wie bei einer One-Man-Show von der SPD allein gelassen wird. Glücklich habe er Steinbrück nur nach dem TV-Duell erlebt. Da war es schon zu spät.

«Es ist, hat man es mit der SPD zu tun, wie verflixt. Die Genossinnen und Genossen sind reizend, engagiert, intelligent, nie ist einer Einzelnen, einem Einzelnen ein Vorwurf zu machen», schreibt Minkmar. Dennoch komme es zu seltsamen Fehlleistungen, «als würde sich ein übermütiger Politgeist (...) einen Jux machen».

«Der Zombie» lautet das Kapitel über Steinbrück nach der Debatte um seine Vortragshonorare und die umstrittenen Äußerungen, dass ein Kanzler im Vergleich zu anderen Tätigkeiten zu wenig verdiene. «Geld und Hitler, das sind die Bezüge, die deutsche politische Karrieren schlagartig beenden können», schreibt Minkmar. «Es war wie ein Fluch, alles, was Steinbrück unternahm oder nicht unternahm, wurde gegen ihn verwendet.» Und dann schickte ihn die SPD quasi allein auf eine Europareise, Journalisten «grillten» ihn unterwegs wegen der unklaren Finanzierung eines Unterstützer-Blogs. Die Rolle als «Dödel der Nation» war neu für ihn, berichtet ein Freund Steinbrücks.

Man habe Steinbrück dabei beobachten können, wie er Stockwerk um Stockwerk im freien Fall durchbrach, so Minkmar. Schließlich meint noch SPD-Chef Sigmar Gabriel, ihm mit eigenen Vorstößen, etwa zum Tempolimit, helfen zu müssen. Ein Bild Steinbrücks verfestigt sich: «Was man als eine hanseatische Distanziertheit schätzen könnte, wirkte auf viele wie Arroganz. Kompetenz wirkte wie Überheblichkeit», bilanziert Minkmar. Und die SPD skizziert er als Partei, die nicht mehr so recht weiß, wofür sie steht, aber die ein anmaßendes Weltverbesserungsprogramm aufschreibt. «Und die Legende von der Troika war zu einer glatten Politbürolüge verkommen.» Alles kulminiert im Emotionsausbruch Steinbrücks beim SPD-Konvent im Juni.

Zwar legt der 66-Jährige nach dem TV-Duell, wo viele Bürger ihr Bild revidieren müssen, eine starken Schlussspurt hin, aber dann kommt noch die Sache mit dem Stinkefinger-Foto. Minkmar bemängelt, dass kaum die Frage diskutiert wird, warum er das alles tue, was er bewegen wolle zum Wohle des Landes. Aber im Zirkus spiele halt nur die Perfomance eine Rolle, «das Tempo, die grobe Komik der immer neuen Pannen und eine möglichst knallige Begleitmusik».

Minkmar besucht schließlich den Psychologen Stephan Grünewald, der die Deutschen nach Reformen, Globalisierung und Krise als erschöpfte Gesellschaft beschreibt, die Bürger wollten Ruhe und Kontinuität: also weiter mit Angela Merkel. «Man staunt mit dem Kandidaten», schreibt Minkmar. Im Bundestagswahlkampf sei keine «postdemokratische Verflachung» festzustellen gewesen, sondern es sei überhaupt kein relevantes Thema diskutiert worden, meint er.

Der Volkswirt Steinbrück bringt das bei einem Vortrag der Karl-Schiller-Gesellschaft auf den Punkt, wo nach Minkmars Ansicht all das deutlich wird, was den Glanz der Kanzlerkandidatur hätte ausmachen können. 1969 sei die Aufwertung der D-Mark das zentrale Wahlkampfthema gewesen, erzählt Steinbrück an dem Abend in Berlin, um dann fast wehmütig hinzuzufügen: «Solch ein komplexes Thema».

Nils Minkmar: Der Zirkus: Ein Jahr im Innersten der Politik. S. Fischer Verlag Frankfurt/Main, 224 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3100488398

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erstellt am 29.Okt.2013 | 13:27 Uhr

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