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Literatur : Niederländer schüren gezielt das Bücherfieber

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Während der Schriftsteller Abdelkader Benali langsam zu lesen beginnt, beißt der 15-jährige Pieter in seinen «bitterbal».

Aus dem heißen frittierten Bällchen tropft die Fleischfüllung auf seinen Pulli, doch das merkt Pieter nicht. Er lauscht atemlos. Es ist Manuscripta in Amsterdam, die Eröffnung der Buch-Saison Herbst 2013.

Vor dem Amsterdamer Reichsmuseum standen am vergangenen Wochenende Zelte und Buden, in denen Verlage ihre Neuerscheinungen präsentierten oder alte Titel verramschten. Autoren lasen, debattierten oder trafen sich im Zelt «Das heiße Date» hinter einem Rosenstrauch mit Lesern zu einem intimen Stelldichein.

Vom Musikpodium nebenan erschallten Musical-Hits, etwas weiter gaben Schauspieler eine Kostprobe aus ihrem neuen Stück. Mit der Manuscripta wurde zugleich auch mit Pauken und Trompeten die kulturelle Saison offiziell eröffnet.

Rund 250 000 Besucher kamen allein in Amsterdam zu diesem «Uitmarkt», was soviel heißt wie Markt zum Ausgehen. Und zur Freizeit gehören in den Niederlanden eben Bücher wie die Löcher zum Käse, und im Land des Fast-Food natürlich auch Fritten und «bitterballen».

Auf dem Museumsplatz in Amsterdam schlenderten deshalb längst nicht nur bebrillte Intellektuelle mit grauen Schläfen und ältere Damen auf Gesundheitsschuhen. Familien zogen von Stand zu Stand, Damen auf Stilettos und Herren in modischer Abreißhose und Turnschuhen lauschten den Lesungen.

«Das ist einzigartig und echt für jeden zugänglich», meint die Lehrerin Janneke (42), ein großer Literaturfan. «Man hat sofort einen Überblick, was demnächst im Buchladen liegt.» - «Und außerdem ist es supertoll», fügt ihr Sohn Pieter hinzu.

Was die Haute Couture für Frankreich ist, sind Bücher für die Niederlande. Und wie die hohe Schneiderkunst in Paris sind in Amsterdam auch Bücher zweimal im Jahr der Star. Im Herbst bei der Manuscripta und im Frühjahr bei der Buchwoche.

Bei dieser nationalen Buchwoche präsentieren sich Autoren und Verlage mit alten und neuen Werken und immer zu einem Thema. «Reisen» wird es im März 2014 sein.

Seit 78 Jahren gibt es diese Buchwoche, und sie boomt. Jedes Jahr vergibt die Veranstalterin, die «Stiftung Kollektive Propaganda für das niederländische Buch», zu der Woche den Auftrag zu einem kleinen Roman oder einer Erzählung. Das so entstandene Werk ist jedes Jahr der große Renner.

Kein Wunder: Jeder bekommt es in der Buchwoche gratis beim Kauf eines Buches von mindestens 12,50 Euro. Im vergangenen Jahr wurden fast eine Million Exemplare dieses Buchwochengeschenks in nur einer Woche verteilt. So eine Gelegenheit lassen sich Europas Schnäppchenjäger nicht entgehen. Zumal das Geschenk auch noch als Bahnfahrkarte am letzten Sonntag der Buchwoche gilt.

Diese Auftragswerke sind kein Ramsch, sondern oft kleine Meisterwerke von renommierten Autoren: Harry Mulisch, Cees Nooteboom, Connie Palmen, Anna Enquist, auch Salman Rushdie oder flämische Autoren wie der inzwischen gestorbene Autor Hugo Claus gehörten dazu.

Die Werbung fürs Buch geschieht gemeinsam mit den belgischen Nachbarn, deren größte Bevölkerungsgruppe von Haus aus Niederländisch spricht. Zusammen haben beide Länder einen Markt von 22 Millionen potenziellen Lesern. In Flandern findet der Literarische Frühling fast zeitgleich zur niederländischen Buchwoche statt.

Verlage und Handel wollen damit den Verkauf von Büchern stimulieren und das gelingt. «Das ist eine fantastische Erfindung», sagt der Amsterdamer Buchhändler Henk Maasen. «Mein Umsatz steigt in dieser Woche um 50 Prozent.»

Jährlich kaufen die Niederländer rund 40 Millionen Bücher für mehr als eine halbe Milliarde Euro. Die Flamen geben rund 200 Millionen Euro aus. Doch Buchhandlungen leiden unter der Rezession. Da sind die gemeinsamen Werbeaktionen doppelt willkommen. Manuscripta und die Buchwoche sind nicht die einzigen: Im Oktober sind die Kinder an der Reihe mit der Kinderbuchwoche. Liebhaber von Gedichten kommen im Januar auf ihre Kosten mit der «Woche der Poesie», und für Krimifans gibt es im Juni sogar einen «Monat des spannenden Buches».

Höhepunkt des Bücherfiebers aber ist in jedem Jahr der Bücherball. Auf einem roten Läufer strömen dann am Eröffnungsabend der Buchwoche Schriftsteller, Stars und Sternchen, Verleger und Politiker ins Amsterdamer Theater Stadsschouwburg. Das Fernsehen ist live dabei.

Homepage zur Buchwoche auf Englisch

Homepage des Literarischen Frühlings

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erstellt am 03.Sep.2013 | 13:03 Uhr

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