zur Navigation springen

Kunst : Nicole Zepter polemisiert gegen den Kunstbetrieb

vom

Wer kennt es nicht, dieses Gefühl der Ehrfurcht und der Einschüchterung im Museum? Mal liegt Schrott auf dem Boden, mal wird eine Leinwand von einem einzigen Strich durchzogen oder 72 000 Flaschen Bier aus der Türkei werden in Kisten in einem Ausstellungsort in Berlin-Mitte gestapelt.

Die Begleittexte aber sind oft kaum verständliche Abhandlungen über die tiefere Bedeutung des vermeintlichen Kunstwerks. Haben wir den Sinn wieder mal nicht verstanden?

«Das ist wissenschaftliche Verdummung», sagt die Journalistin Nicole Zepter (36). «Die Kunst ist instrumentalisiert, banalisiert, generalisiert», schreibt die studierte Philosophin und Kunsthistorikerin in ihrem Buch «Kunst hassen». «Zwangserkenntnis» und «stumme Ehrfurcht» kennzeichneten die Erfahrungswelt der Museumsbesucher. «Welches Gefühl bleibt in uns zurück?», fragt sie und liefert gleich die Antwort: «Ich behaupte: gar keines.»

Zepter, Herausgeberin des Zeitgeist-Magazins «The Germans», hat ein mutiges Pamphlet gegen den modernen Kunstbetrieb geschrieben. Sie fordert, dass die Kunstinteressierten sich nicht mehr einschüchtern und sich eine Meinung nicht mehr von Galeristen, Kuratoren oder Museumsleuten aufzwingen lassen. Das 136-Seiten-Buch ist trotz des gehässigen Titels keine Abrechnung mit moderner Kunst, sondern ein an vielen Stellen nachdenklicher und enttäuschter Essay über den Kunstbetrieb.

Eine ganz subjektive Analyse sei ihr Buch, sagt Zepter. Doch sie weiß auch, dass sie bei vielen Museumsbesuchern mit ihrem Aufruf einen Nerv getroffen haben dürfte. Ihr Buch sei eine «Waffe gegen diesen falschen klebrigen Respekt», der den Kunstbetrieb heute präge. «Man hat das Gefühl, man steht vor einem Mythos, obwohl man einen umgekehrten Eimer anschaut, wo zwei Schwämme rausgucken», sagt sie. «Ich musste bei der Recherche immer darüber lachen.»

Inspiration bekomme der Museumsbesucher heute auf Knopfdruck aus dem Audio-Guide, schreibt Zepter. Ausstellungen seien auf die Passivität des Besuchers angelegt - «sehen, staunen, nichts verstehen». Museen und Kuratoren seien Werber, die «in grotesk überhöhten Pressetexten» jede Ausstellung in Superlativen als erste und einzige und jeden Künstler als bedeutendsten und einflussreichsten anpriesen.

«Die Bedeutung legt sich dabei wie eine Mauer um die Kunst», schreibt Zepter. Der Besucher werde eingeschüchtert von unverständlichen Begleittexten, monumentalen Museumsgebäuden - und von den Museumsaufsichten: «düster blickende Damen und Herren in Uniform», «eine Armee aus stillen Wesen, die Wächter der Verbote».

Kritik sei in der Kunst selten geworden, meint Zepter. Feuilleton-Texte läsen sich wie Ausstellungskataloge. Der Preis eines Kunstwerkes sei zum neuen Maßstab für Qualität geworden. Kunst komme schon lange nicht mehr «aus der genialen Wildnis des Ateliers», sondern aus der Fabrik, die Marken wie Jeff Koons produzierten. Damit Laien bei Vernissagen nicht negativ auffallen, geben Kunstmagazine Etikette-Ratschläge. «Die kollektive Angst, etwas falsch zu deuten, sitzt tief», sagt Zepter.

Eine elitäre Ausstellungskultur aber grenze aus und sei das Gegenteil des Bildungsauftrags der Museen. Das Paradox: Dennoch scheine das Publikum «die Mischung aus Unwissenheit und Götzenkonsum» anziehend zu finden. Wie anders seien sonst die langen Schlangen vor großen Museen zu erklären? «Wir konsumieren nur noch, wir gehen da durch und haben eigentlich gar keine Meinung», folgert Zepter. «Alle nicken nur noch und sagen Ja und Amen.»

- Nicole Zepter: Kunst hassen. Eine enttäuschte Liebe, Klett-Cotta, 2013, 136 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3-608-50307-4

Leseprobe

zur Startseite

von
erstellt am 18.Sep.2013 | 10:43 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen