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Literatur : Neue Bücher vom alten und neuen Hanser-Chef

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Ende des Jahres verlässt Michael Krüger den Chefsessel beim renommierten Hanser Verlag - wenige Monate vorher legt er nun seinen neuen Gedichtband vor. «Umstellung der Zeit» heißt das Buch, das in dieser Woche bei Suhrkamp erscheint.

shz.de von
erstellt am 19.Aug.2013 | 00:20 Uhr

Der Titel scheint auch programmatisch für das, was Hanser bevorsteht. Krüger kam 1968 als Lektor zum Hanser Verlag und drückte dem Haus spätestens seit 1986 als literarischer Leiter seinen unverkennbaren Stempel auf. Seit 1995 ist er geschäftsführender Gesellschafter. Mit Krüger geht eine der letzten großen Verlegerpersönlichkeiten alter Schule.

In seine großen Fußstapfen tritt Jo Lendle, der fast 25 Jahre jünger ist als Krüger und bislang für den DuMont Buchverlag gearbeitet hat. Und auch er hat ein neues Buch auf den Markt gebracht, einen Roman mit dem Titel «Was wir Liebe nennen». Die fast zeitgleiche Veröffentlichung ist reiner Zufall, sagt Lendle. Er habe gar nicht davon gewusst. Doch der Zufall ist ein durchaus spannender.

Natürlich ist das Ich, das in Krügers Gedichten spricht, ein lyrisches. Und doch kann der Leser kaum umhin, das Resümierende und auch die Melancholie, die aus vielen von ihnen sprechen, auf den nahenden Abschied des Verlegers zu beziehen. Krüger, der im Dezember 70 Jahre alt wird, stellt an den Beginn seines Buches ein Zitat des spanischen Schriftstellers Ramón Gómez de la Serna: «Die Vernunft trägt immer Trauer.» Das erste Gedicht des Bandes trägt den Titel «Mein Schreibtisch in Allmannshausen.»

 «Es ist Mai, und ich lese in einem der unaufgeschnittenen Bücher, daß mein Leben bereits aufgeschrieben ist, Jahr für Jahr. Auf der letzten Seite steht, wie mein Leben hätte werden sollen, aber nicht geworden ist», heißt es in Krügers Gedicht mit dem Titel «Mai». Das Gedicht «Kein Haiku» ist eher ein Aphorismus: «Eine tote Amsel vor meinem Fenster. Ich warte eine Stunde auf die Umstellung der Zeit.»

Die dürfte auch Hanser vor sich haben - auch wenn Lendle im Interview der Nachrichtenagentur dpa betont, der renommierte Verlag müsse keineswegs neu erfunden werden. Dass er - im Gegensatz zu Krüger, der zugibt, sie gar nicht bedienen zu können - gar nicht wirklich etwas gegen E-Books hat, sagt er dennoch. «Essenziell ist das gelungene Buch - in welcher Form es gelesen wird, überlasse ich gern jedem selbst.»

Der 45-jährige Lendle hat sich für seinen Roman einen Helden ausgesucht, der einen Neustart im Leben wagt und das, was er kann, aber nicht gerne tut, hinter sich lassen will. In «Was wir Liebe nennen» erzählt er die Geschichte des Zauberers Lambert, der nach dem Tod seines Vaters auch eine neue Liebe findet. Von Lendles Geburtsstadt Osnabrück aus macht Lambert sich auf den Weg nach Kanada, in eine neue Welt.

Zu Beginn des Buches versucht er sich an einer Definition von Liebe. Er schreibt: «Was wir Liebe nennen, ist anfangs nur ein Zittern. Ein Schauer, den wir kaum bemerken, der uns nicht frieren lässt, aber daran erinnert, beizeiten nach etwas zu suchen, das uns wärmt. Irgendetwas gerät aus der Ruhe, ein winziges Teilchen nur, wie man es vom Schütteln alter Uhren kennt.» Und dann schickt er seinen Lambert auf die Reise ins Neuland - autobiografische Notlandung in Irland inklusive.

«Auch wenn ich mit Lambert auf den ersten Blick mehr äußerliche Merkmale teile, steht er mir nicht näher als jede andere meiner Hauptfiguren», betont Lendle im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Und auch wenn das fast gleichzeitige Erscheinen seines Buches und der Gedichte seines Vorgängers zu allerlei Spekulationen anregen: «Es ist wohl unvermeidlich, dass man unsere Bücher nun mit dem Wissen über den anstehenden Wechsel bei Hanser liest. Die Bücher selbst hätten gewiss nichts dagegen, ganz für sich gelesen zu werden.»

Michael Krüger: «Umstellung der Zeit», 117 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-42394-3 Jo Lendle: «Was wir Liebe nennen», 256 Seiten, Verlag: DVA Belletristik, ISBN: 978-3-421-04606-2

Infos zu «Umstellung der Zeit»

Infos zu «Was wir Liebe nennen»

Hanser Verlag

Homepage Jo Lendle

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