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Kultur : Martin Walser mischt sich immer wieder ein

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Er hat sich gegen den Vietnamkrieg ausgesprochen, die deutsche Teilung nicht einfach hinnehmen wollen und 1998 mit seiner Kritik an einer «Instrumentalisierung von Auschwitz» eine monatelange Debatte ausgelöst: Martin Walser hat über Jahre zu zahlreichen Themen Stellung bezogen.

shz.de von
erstellt am 29.Aug.2013 | 17:57 Uhr

Es gehe ihm dabei aber nicht um die Wirkung, sagt der 86-Jährige. Wer die brauche, solle lieber Zahnarzt werden.

Frage: Herr Walser, Sie haben sich über viele Jahre hinweg in aktuelle Diskussionen eingemischt. Welchen Einfluss haben Kulturschaffende denn heute noch auf Politik und Gesellschaft?

Antwort: Wie Sie das zusammenfassen, klingt es so, als sei ich aus reinem Übermut immer wieder unbeherrscht und mischte mich da ein. Ich habe es immer so erlebt, dass ich reagieren musste. Ich will ein Beispiel nennen: Vor ein paar Jahren war wieder so eine Sache in der Zeitung. «Die deutschen Soldaten bleiben so und so lange in Afghanistan», hieß es da, als sei das ganz normal. Und ich weiß noch sehr genau: Da musste ich etwas schreiben. Dass die Deutschen keinen Krieg mehr führen dürfen, nicht mehr führen können, nicht mehr führen müssen - nach unseren Erfahrungen.

Frage: Und wie waren die Reaktionen darauf?

Frage: Schon in der nächsten Zeitungsausgabe hat mir ein Staatssekretär von seiner ganzen Kompetenz aus geantwortet, warum ich davon zu wenig verstehe. Und der leitende Journalist antwortete mir, ich hätte meine militärischen Erfahrungen wahrscheinlich bei der Infanterie in Sonthofen gemacht - also: Ich verstehe davon nichts. Aber wenn ich das nicht geschrieben hätte, hätte ich nicht schlafen können. Gut, ich hätte sagen können, bleib ich halt wach. Aber sobald ich das geschrieben hatte, wurde mir ein bisschen wohler. Und das ist im Grunde genommen immer mein Motiv. Das mag falsch sein oder lächerlich, aber es gibt immer wieder Themen - um es ein bisschen metaphorisch zu sagen - da kann ich nicht schlafen, wenn ich mich nicht dazu verhalten habe.

Frage: Oft genug haben Sie ja auch harsche Reaktionen auf solche Stellungnahmen bekommen - beispielsweise 1998, als Sie in einer Rede in der Paulskirche eine «Instrumentalisierung von Auschwitz» kritisierten?

Antwort: Da bin ich offenbar bei aller Vorsicht, die ich glaubte, geübt zu haben, über das hinausgeraten, was zu dem Zeitpunkt korrekt gewesen wäre. Ich habe uns in der Gefahr des Lippengebets gesehen und das kritisch beschrieben. Die momentane Reaktion war sehr gut, aber dann kam die Debatte. Bubis (Anm.: Ignatz Bubis, damals Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland) hat mir gegenüber den Vorwurf des «geistigen Brandstifters» zwar zurückgenommen, trotzdem ist da viel geblieben. Am schönsten hat es für mich (der Philosoph) Peter Sloterdijk - den ich sowieso für den höchsten Formulierer der Epoche halte - in einem Aufsatz geschrieben: «Die Leute, die dem Walser in der Paulskirche schnell stehend applaudierten, waren sich für wenige Minuten zehn Jahre voraus.» Das ist Verständnis auf höchster Ebene.

Frage: Lohnt sich denn das Einmischen überhaupt?

Antwort: Ich wüsste nicht, ob ich noch was sagen würde, wenn ich wüsste, dass man auf mich hört. Ich sage etwas, weil ich das Gefühl habe, ich muss das sagen. Ein Mensch, der Wirkungen braucht, sollte Zahnarzt oder Chirurg werden. Dann begegnet er jeden Tag den Leuten und wenn sie lachen, sieht er, wie toll er ihnen die Zähne gemacht hat. Das kann ein Schriftsteller nicht.

Frage: Haben sich denn die Reaktionen auf die Meinung von Kulturschaffenden in den vergangenen Jahrzehnten geändert?

Antwort: Ich glaube nicht, dass es zu Zeiten Konrad Adenauers oder Ludwig Erhards anders war. Gut, Willy Brandt hat sich geziert und geschmückt mit Intellektuellen, das haben die auch gerne getan. Aber da war Brandt einfach eine Ausnahmefigur. Von Helmut Kohl hätte ich das weder erwartet, noch verlangen wollen. Ich war einmal eingeladen bei ihm - da bin ich halt hin. Er hat eine Stunde geredet und dann bin ich gegangen. Es war schon interessant - er wollte halt einfach mal eine Stunde lang an einen Intellektuellen hinreden. Ich hoffe, das hat ihm gut getan - mir hat es auf jeden Fall nicht geschadet, dass ich zugehört habe.

Frage: Und Ihre eigene Einstellung zur Meinungsäußerung, hat die sich im Laufe der Jahre verändert?

Antwort: Ich persönlich habe schon Anfang des Jahrhunderts oder noch früher gemerkt, dass dieses Meinungsspektrum etwas ist, das mich eigentlich sprachlich am wenigsten interessieren dürfte. Eine Entwicklung, die ich wirklich habe: Dass es nichts Lächerlicheres gibt, als Recht zu haben. Und dass man sich auch nicht gerechtfertigt fühlen darf, bloß weil man glaubt, Recht zu haben. Ich habe es auch zu beweisen versucht, dass das ein Bewusstseinszustand ist, den man selber als unangenehm empfinden lernt. Das heißt ja auch immer, dass ein anderer Unrecht hat.

Interview: Kathrin Streckenbach, dpa

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