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Literatur : «Lieber hundertmal irren»: Loests letzte Erzählung

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In seinem letzten Buch kehrt Erich Loest an den Anfang der deutsch-deutschen Geschichte zurück.

«Lieber hundertmal irren» erzählt von dem überzeugten Kommunisten Vogelsberg, der nach dem Krieg in der sowjetischen Besatzungszone für die «Säuberung» der Stadtverwaltung von Nazis sorgen soll. Der Mittfünfziger, einst selbst vorübergehend in NS-Haft, funktioniert in dem neuen System so gut, dass er sogar die Inhaftierung seines Sohnes durch fremde Genossen hinnimmt. «Ist schon richtig», denkt er am Schluss, «lieber hundertmal mit der Partei irren, als sich einmal gegen sie stellen.»

Die gut 120 Seiten starke Erzählung ist erst Anfang September im Göttinger Steidl Verlag erschienen, kurz vor Loests Tod am Donnerstag in Leipzig. Von der großen Form des Romans hatte der Autor schon mit seinem Werk «Löwenstadt» (2009) Abschied genommen, doch bis vor wenigen Monaten schrieb er Verlagsangaben zufolge noch an der neuen Erzählung. «Das ist kein Manuskript aus der Schublade. Er hat sehr intensiv daran gearbeitet und hatte auch sehr genaue Vorstellungen, wie der Titel aussehen soll», berichtete Steidl-Vertriebschef Matthias Wegener am Freitag.

In seiner präzisen, oft fast lakonischen Sprache lässt Loest die Wirren des Kriegsendes eindringlich lebendig werden. In Mittweidorf, wie Vogelsbergs Wohnort in Anspielung auf Loests sächsische Geburtsstadt Mittweida heißt, hat jeder etwas zu verbergen: die einen den Totschlag eines Russen, die anderen ihre frühere Zugehörigkeit zur Hitlerjugend und ein dritter den anbiedernden Brief an seinen Nazi-Chef.

Von einem Aufbruch in eine neue Zeit ist nichts zu spüren, nur die Rollen sind irgendwie vertauscht: Jetzt ist es die ehemalige NS-Funktionärin, die das Grab für andere ausheben muss. Ihr Sohn ist vermisst, ihr Mann erfroren. «Am Abend nahm sich die ehemalige Frauenschaftsführerin das Leben», heißt es knapp zum Ende des Kapitels.

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erstellt am 13.Sep.2013 | 13:23 Uhr

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