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Kultur : Lewitscharoff beklagt gesellschaftliche Verrohung

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Die diesjährige Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff wünscht sich von der nächsten Bundesregierung mehr Engagement gegen eine «gesellschaftliche Verrohung», wie sie im Fernsehen und in etlichen Theatern betrieben werde.

shz.de von
erstellt am 22.Aug.2013 | 12:33 Uhr

In einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa sprach sich die 59-jährige Autorin, derzeit Stipendiatin der Villa Massimo in Rom, zudem für die Berufung eines Bundeskulturministers aus.

Frage: Deutschland ist derzeit gerade in den südeuropäischen Ländern wegen seines als schulmeisterlich empfundenen Auftretens nicht sehr beliebt. Wie erleben Sie die Stimmung in Rom?

Antwort: Ich lebe in der Villa Massimo auf einer Insel der Seligen. In einem wahren Paradies. Das Viertel, in dem die Villa liegt, ist bürgerlich. Die sozialen Verwerfungen zeigen sich hier nicht. Man sieht nur, daß Straßen und Gehwege in schlechtem Zustand sind. Fährt man allerdings mit der Metro oder dem Bus, sieht man die Nöte. Die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt Rom sind in einem katastrophalen Zustand. Die allgemeine Stimmung ist schlecht. Die Politiker haben durch die Bank einen schlechten Ruf. Das ist in Krisenzeiten gefährlich.

Frage: Politische Entscheidungen scheinen immer mehr unter dem Zwang von globalen Finanzfragen zu stehen. Macht Demokratie auf der Ebene der Nationalstaaten noch Sinn?

Antwort: Geht es um die Probleme des Finanzwesens oder um die Steuerflucht in Paradiese, in denen reiche Leute oder Firmen so gut wie nichts bezahlen, so sind die Maßnahmen eines Nationalstaates wirkungslos. Da helfen nur Regelungen, die größere staatliche Konglomerate vereinbaren. Andere Regelungen sehe ich gern in nationalstaatlicher Kompetenz. Zum Beispiel die für die Buchbranche extrem wichtige Preisbindung. Sie sollte in Deutschland unbedingt erhalten bleiben und nicht durch ein europäisches Wirtschaftsabkommen mit den Amerikanern aufgeweicht werden.

Frage: Programme wie Prism haben große Sorgen hervorgerufen. Sehen Sie eine Gefahr besonders für die Freiheit der Kunst?

Antwort: Nein. Meine Sorge ist dies nicht.

Frage: Sollten sich Intellektuelle und Kulturschaffende wieder stärker gesellschaftspolitisch zu Wort melden?

Antwort: Nicht generell. Nur wenn sie zu einem politischen Thema wirklich etwas sagen können. Der politische Journalismus funktioniert in unserem Land gut. Viele Journalisten sind erheblich besser informiert als Schriftsteller. Man sollte ihnen nicht ohne Not ins Handwerk pfuschen.

Frage: Welche Bilanz ziehen Sie für die Kulturpolitik der vergangenen vier Jahre?

Antwort: Die letzten vier Jahre sind mir nicht speziell erinnerlich. Generell kämpfe ich gegen Versuche, das Urheberrecht in den Künsten einzuschränken oder gar über Bord zu werfen.

Frage: Wie sehen Sie speziell die Lage der Literatur in Deutschland? Gibt es genug Freiraum und Unterstützung auch für neue Stimmen?

Antwort: Die Lage ist exzellent. Die Möglichkeiten, Geld zu verdienen, sind gut. Neue Stimmen finden permanent ein relativ großes Echo.

Frage: Was sollte eine neue Bundesregierung kulturpolitisch vordringlich tun?

Antwort: Gegen die extrem primitiven Tendenzen in der Kultur, gegen eine gesellschaftliche Verrohung, wie sie im Fernsehen und in etlichen Theatern betrieben wird, Flagge zeigen. Einen derart lächerlichen Unsinn, wie zum Beispiel Jonathan Meese in Bayreuth inszenieren zu lassen, den muß man gewiß mit keinem Euro unterstützen. [Meese soll 2016 beim Bayreuther «Parsifal» Regie führen.]

Frage: Brauchen wir einen Bundeskulturminister?

Antwort: Ja.

Frage: Immer mehr Künstler zieht es nach Berlin. Auch Sie sind seit langem Wahlberlinerin. Bekommt Berlin für Deutschland zunehmend so eine zentrale Rolle wie etwa Paris für Frankreich?

Antwort: Das ist eher ungünstig. Deutschland lebt sehr gut mit vielen Städten und auch kleineren Orten, die ein reges kulturelles Leben aufweisen können. Die örtliche Vielfalt ist anregender als der kulturelle Wasserkopf.

Frage: Beteiligen Sie sich an der Bundestagswahl?

Antwort: Ich habe immer gewählt, oszilliere meistens zwischen der SPD und den Grünen. Daß ein so ungewöhnlich integrer und intelligenter Politiker wie Winfried Kretschmann in meiner Heimat gewählt wurde, erfüllt mich mit Freude.

Frage: Können und mögen Sie verraten, woran Sie gerade arbeiten?

Antwort: Ich schreibe an einem Kriminalroman, der den schönen Namen «Killmousky» trägt. Ein Name, den der von mir geliebte Inspector Barnaby einst in einer Sendung einem zugelaufenen schwarzen Kater verliehen hat.

Autorenseite des Suhrkamp Verlags

Kurzvita bei Villa Massimo

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