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Zur Frankfurter Buchmesse : Lesetipps: Die Herbst-Bücher der shz.de-Redaktion

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Zum Start der Frankfurter Buchmesse hat die Redaktion in den Bücherregalen gewühlt. Acht Lieblingsschmöker für lange Abende.

Mit der kalten Jahreszeit beginnt auch die Gemütlichkeit. Was gibt es Schöneres, als sich zu Hause mit einem guten Buch zu verstecken, während es draußen nass und kalt ist? In Frankfurt am Main liefert die Buchmesse frische Literatur. Das hier sind die Langzeit-Lieblinge der Redaktion von shz.de.

Schloss aus Glas  - Jeannette Walls

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Foto: Random House/Diana Verlag

Jeannette ist eine schicke Manhattan-Tussi, die sich grade auf dem Weg zu irgendeiner total angesagten Veranstaltung macht, als ihr eine verwahrloste Obdachlose auffällt. Sie duckt sich, will nicht gesehen werden. Denn diese Frau, die da im Müll herumwühlt, ist ihre eigene Mutter. Was die erfolgreiche New Yorkerin gut hinter ihrer Erfolgs-Fassade versteckt: Sie hatte eine Kindheit am Rande des Abgrunds. Ein Leben in Wüsten-Baracken, in trostlosen Arbeiterstädten, stets kurz vor dem finanziellen Ruin. Sie wurde vernachlässigt, musste hungern und ständig einen Neuanfang machen mit ihren Eltern. Da ist diese Episode, wie sie als Dreijährige alleine Hot Dogs kocht, sich am heißen Wasser schwer verbrüht und trotz unverheilter Wunden von ihrem Vater aus dem Krankenhaus „befreit“ wird. Später wird das Kind bei einem der vielen Umzüge irgendwo in der Wüste vergessen und erst nach gefühlten Ewigkeiten wieder eingesammelt.

An diese Geschichten erinnert sich die stolze New Yorkerin beim Anblick ihrer müllwühlenden Mutter mit einer verblüffenden Leichtigkeit und viel Witz – mit zunehmenden Alter der Protagonistin mischt sich aber auch ein wenig Bitterkeit unter. Trotz aller Armut und Vernachlässigung scheint ihre Kindheit irgendwie glücklich gewesen zu sein. Ein Abenteuer. Denn das freie Leben fernab von Konventionen hat auch seine bezaubernden Seiten. Mit ihrem Vater, dem Träumer, der der Familie ein Schloss aus Glas bauen möchte und dies – statt wirklich zu arbeiten – immer weiter plant und entwirft. Er zeigt ihr die Sterne und zum Geburtstag „schenkt“ er ihr einen. Oder die Mutter, eine Malerin, die lieber Geld für ihre Kunst ausgibt, als den Kühlschrank zu füllen. Es sind hippiemäßige Lebenskünstler. Intelligente Freidenker, die das spießige, pflichterfüllte Leben der normalen Jasager infrage stellen. Doch irgendwann stellen Jeannette und ihre Schwester ihrerseits das ach so freie Leben infrage. Schließlich haben sie das freie Denken ja gelernt.

Das Buch „Schloss aus Glas“ ist warmherzig geschrieben und regt immer wieder zum Nachdenken an. Über Freiheit, Konventionen und darüber, ob finanzieller Wohlstand wirklich den Wert eines Menschen definieren muss. Denn über ihren autobiografischen Roman sagt die Autorin: „Ich hatte schreckliche Angst, dass die Leute etwas über meine Eltern herausfinden würden, darüber, dass ich als Kind in Pappkartons geschlafen und tagelang gehungert hatte. Deshalb erzählte ich niemandem von meiner Vergangenheit – bis jetzt.“

Mira Nagar

Jeannette Walls: Schloss aus Glas. Diana Verlag, Juni 2006, ISBN: 978-3-453-35135-6

                                                                                                               

Hart auf Hart  - T.C. Boyle

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Foto: Hanser Verlag
 

Eins vorweg: Ich mag eigentlich keine Liebesromane. T.C. Boyle hat seinen in „Hart auf Hart“ allerdings sehr gut versteckt. Die Liaison zwischen Adam und Sara ist bizarr, was vor allem an den beiden Beteiligten liegt. Die drehen nämlich durch. Der 25-jährige Adam, übrigens Sohn eines Vietnamveterans, hat sich nach gescheiterten Therapieversuchen in den nordkalifornischen Wald zurückgezogen. Wie ein Kind - wären da nicht sein Gewehr und sein Schlafmohnfeld, dessen Ernte er an die jungen Leute in Mendocino vertickt, um sein Leben außerhalb der Gesellschaft zu finanzieren.

Auch Sara will nicht mitspielen. Sie ist 40, liebt ihren rastabezopften Hund über alles und hat sich in diversen Verschwörungstheorien verfangen. Tenor: Der Staat ist schlecht, die Medien lügen und keiner merkt's. „Ich habe keinen Vertrag mit Ihnen“, sagt sie den Polizisten, die ihren Führerschein einziehen. Sara nimmt Adam als Anhalter mit. Der Rest der Geschichte: Einbruch im Tierheim, Sex, ein fremdenfeindlicher Vater, eine Menschenjagd im Wald. „Hart auf Hart“ ist verstörend, klug, rasant und mitunter sogar komisch.

Barbara Maas

T.C. Boyle: Hart auf Hart. Carl Hanser Verlag, Februar 2015, ISBN: 978-3-446-24737-6

                                                                                                               

Die Wallander-Romane - Henning Mankell

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Foto: dpa
 

Ystad ist ein kleines Städtchen in Schonen, dem südlichen Schweden. In dem verschlafenen Küstenstädtchen traut man den Einwohnern keine Gräueltaten zu – doch sie passieren. In der Krimi-Reihe um den alternden Kommissar Wallander baut der kürzlich verstorbene Autor ein düsteres Schweden auf, das von Mord, Korruption, Fremdenfeindlichkeit und Missständen der Gesellschaft geprägt ist. Im Zentrum steht Kurt Wallander, ein geschiedener Mann in der Midlife-Crisis, der mit Übergewicht, abnehmender Attraktivität und dem komplizierten Verhältnis zu seiner Familie eben kein typischer Romanheld ist, sondern ein ganz normaler Mann mittleren Alters. Das erste Buch der Reihe heißt „Mörder ohne Gesicht“ und bietet den richtigen Einstieg in Mankells Schweden. Insgesamt gibt es zwölf Bücher in der Reihe, die allesamt sehr lesenswert sind und einen allein aufgrund von Authentizität, Detailreichtum und Spannung ganze Abende an das Sofa fesseln können.

Gerrit Hencke

Henning Mankell: Mörder ohne Gesicht, dtv, ISBN-13: 978-3423212120

                                                                                                               

ZERO. Sie wissen, was du tust - Marc Elsberg

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Foto: blanvalet

 

Bei einer Verfolgungsjagd wird ein Junge erschossen. Journalistin Cynthia Bonsant erfährt, dass die bislang von allen gefeierte Internetplattform „Freemee“ etwas damit zu tun haben soll. „Freemee“ verspricht den Nutzern ein besseres Leben und mehr Erfolg, wenn sie ihre Daten verkaufen. Doch das Geschäft scheint nicht immer aufzugehen. Davor warnt „ZERO“, der meistgesuchte Online-Aktivist der Welt. Parallelen zu Whistleblowern wie Edward Snowden sind kein Zufall. Als Cynthia anfängt, genauer zu recherchieren, wird sie selbst zur Gejagten. Doch in einer Welt, in der jeder per Kamera, Datenbrille und Smartwatch überwacht wird, ist es schwer, unterzutauchen.

Lieblingszitat: „Schließlich sind da draußen alle auf Menschenjagd. Banken, Kreditkartenfirmen, Supermärkte, Autohersteller, Kleiderproduzenten, alle, Suchmaschinen, so nennen sich manche Internetgiganten sogar.”

Fazit: Ein gesellschaftskritischer IT-Thriller. Einer, der alle, die ihr Leben bereits per Fitness-Tracker aufzeichnen oder sonstige Daten leichtsinnig preisgeben, zum Nachdenken bringen wird.

Christina Norden

Marc Elsberg: ZERO – Sie wissen, was du tust. Blanvalet Verlag, Mai 2014, ISBN: 978-3764504922

                                                                                                               

Ärger mit der Unsterblichkeit  - Andreas Dorau & Sven Regener

Sven Regener (l.) und Andreas Doreau kennen sich seit Jahren und haben jetzt auch ein gemeinsames Buchprojekt verwirklicht. (Foto: dpa)
Sven Regener (l.) und Andreas Doreau kennen sich seit Jahren und haben jetzt auch ein gemeinsames Buchprojekt verwirklicht. (Foto: dpa) Foto: dpa
 

Andreas Dorau ist eines der typischen One-Hit-Wonder der Neuen Deutsche Welle. Könnte man meinen. Tatsächlich aber hat die künstlerische Vita des Pfarrer-Sohnes viel mehr zu bieten als nur die Geschichte um „Fred vom Jupiter“, dem wohl bekanntesten Hit des Künstlers. Seit über 30 Jahren ist der Musiker, Filmemacher und Komponist in der Kunstszene zwischen Hamburg und München unterwegs und trifft dabei auf die merkwürdigsten Menschen an den abwegigsten Orten in den sonderbarsten Situationen. Davon erzählt er in seinem Buch. Und er hat sich, um das alles in Worte zu fassen, niemand Geringeren als Sven Regener, Frontmann von Element of Crime und Bestsellerautor der Geschichten von Herrn Lehmann an seine Seite geholt.

Das Buch macht Spaß, weil es die aus heutiger Sicht mitunter skurrile Zeit der Neuen Deutschen Welle wieder aufleben lässt. Und selbst wenn der Leser damals nicht selbst aktiv dabei war, kann er sich in zahlreichen amüsanten Geschichten wiederfinden. Es scheint, als hätten sich einige Situationen aus dem Alltag bis zum heutigen Tag nicht verändert.

Das Buch ist glaubwürdig und authentisch. Sprachlich gehalten in der typisch rotzigen „Regener-Schreibe“. Ohne viel „Drumherum“ verzeiht es – wie fast alle Regener-Bücher – den fehlenden Spannungsbogen. Deshalb das Fazit: Aufklappen, lesen, Spaß haben.

Soenke Schierer

Andreas Dorau & Sven Regener: Ärger mit der Unsterblichkeit, Galiani Berlin, Mai 2015, ISBN: 978-3-86971-108-9

                                                                                                               

Tigermilch - Stefanie de Velasco:

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Foto: Verlag Kiepenheuer & Wisch
 

Die besten Freundinnen Nini und Jameelah sind zarte 14. Als Leser begleitet man die beiden Mädchen durch einen Sommer in Berlin.

Sie verbringen jede freie Minute miteinander, besuchen das Freibad, schwärmen für die Jungs aus ihrem Kiez, trinken heimlich ihre „Tigermilch“ – eine Mischung aus Milch, Maracujasaft und Mariacron. Und sie treffen ihre Freunde zum Rauchen auf dem Spielplatz. Es scheint, als seien sie ganz normale Jugendliche auf dem Weg zum Erwachsenwerden, die sich einerseits schon sehr erwachsen fühlen und andererseits der Welt mit einer noch kindlichen Naivität begegnen.

Doch beide haben Probleme und Sorgen, die eine heile Welt weit entfernt scheinen lassen und in ihrer Härte oft schonungslos sind. Während Nini mit ihrer alkoholkranken Mutter und dem Vater, der schon früh die Familie verlassen hat, konfrontiert ist, hat die aus dem Irak stammende Jameelah Angst vor einer Abschiebung. Die Ereignisse überschlagen sich, als sie nachts Zeugen eines Ehrenmordes werden, durch den eine befreundete Familie zu zerbrechen droht.

De Velasco schreibt in der Sprache der Berliner Jugend – ohne dabei aufgesetzt zu klingen – und fesselt den Leser durch die Ehrlichkeit und Abgebrühtheit der Protagonisten, die einen erschrecken aber auch mitfühlen lässt.

Britta Sowa

Stefanie de Velasco: Tigermilch. Kiepenheuer & Witch, August 2013, ISBN: 978-3-462-04573-4

                                                                                                               

Die letzten Tage von Pompeji - Edward Bulwer-Lytton

Das Forum, der zentrale Platz des antiken Pompeji. Im Hintergrund der Vesuv.
Das Forum, der zentrale Platz des antiken Pompeji. Im Hintergrund der Vesuv. Foto: Dreykluft

Der Roman aus dem Jahr 1834 ist quasi die Mutter alle Soap Operas. Liebe, Neid, Eitelkeit und Intrige bilden das Gerüst für eine flotte Handlung im historischen Italien.

Es ist 79 nach Christus, in Pompeji führen die Reichen ein angenehmes Leben jenseits des hektischen Roms. Glaukus ist solch ein Reicher und fühlt sich auch noch als jemand Besseres, weil seine Vorfahren aus Griechenland stammen. Als er die schöne Ione trifft, ist es um ihn geschehen. Ione erwidert seine Liebe, aber ihr Pflegevater Arbaces begehrt sie ebenso. Der hält sich auch für etwas Besseres, weil er aus Ägypten stammt. Die reiche Julia hat es auf Glaukus abgesehen, nicht aus Liebe, sondern aus Eitelkeit. Dazu tauchen noch eine Reihe reicher Nichtsnutze, einige Gladiatoren, eine schöne Blinde, Sklaven, Priester der ägyptischen Göttin Isis, ein paar Christen, ein Löwe, ein Tiger und eine alte Hexe auf. Die Handlungsstränge verzweigen sich, und am Ende sortiert der Ausbruch des Vesuvs Gut und Böse und konserviert die Stadt in dem Zustand, wie wir sie heute kennen.

„Die letzen Tage von Pompeji“ ist ein historischer Roman in doppelter Hinsicht. Die Handlung spielt zur Römerzeit und füllt die Stadt, die wir als gut erhaltene Ruine kennen, mit Leben. Selbst Mosaike, die heute zu besichtigen sind, spielen ihre Rolle, etwa das berühmte „Cave Canem“, das Ungebetene vor dem Hunde warnt. Historisch ist aber auch der Roman selbst, 1834 verfasst, nur zwei Jahre nach dem Tod Goethes. Bulwer-Lytton war ein Pionier der modernen Romanerzählung, dem es gelingt, dem vermuteten Anspruch seiner damaligen Leserschaft auf historische Korrektheit mit einer spannenden Geschichte zu kombinieren. Das macht Spaß und ermöglicht es auch intellektuelleren Gemütern, die aus heutiger Sicht mit bekannten Mitteln gestrickte (und mehrfach verfilmte) Geschichte mit bildungsbürgerlichem Anspruch zu lesen.

Joachim Dreykluft

Der Text und auch die deutsche Übersetzung sind frei von Urheberrechten und deshalb kostenlos als E-Book erhältlich, etwa bei Amazon.

                                                                                                                              

Gone Girl: Das perfekte Opfer - Gillian Flynn

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Foto: S. Fischer Verlag
 

An ihrem fünften Hochzeitstag verschwindet Nicks Ehefrau Amy spurlos. Vor dem Verschwinden soll laut Aussagen von Freunden die Beziehung zwischen den Eheleuten schwierig gewesen sein. Aus Tagebucheinträgen wird klar, dass Amy sogar Angst vor ihrem Mann gehabt hat. Für die Polizei und die Medien wird Nick damit zum Hauptverdächtigen: Er hat ein schwaches Alibi, hohe Kreditschulden und verschwendet schnell Amys Lebensversicherung. Dabei ist alles nur Teil eines abartigen Plans.

Die Spannung rund um die Geschichte von Nick und Amy wird mit unvorhersehbaren Wendungen stets hochgehalten. Unbedingt lesen, wenn Sie schon immer in die tiefen Abgründe einer menschlichen Beziehung sehen wollten. Aber Vorsicht: Danach begleitet einen stets die eine Frage: Wie gut kenne ich eigentlich den Menschen, den ich liebe?

Wer vor Spannung nicht die 584 Romanseiten abwarten kann, der kann sich auch den Film „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ mit Ben Affleck als Nick ansehen – obwohl das Buch natürlich um Längen besser ist.

Mareike Delfs

Gillian Flynn: Gone Girl - Das perfekte Opfer, Fischer, ISBN: 978-3-596-18878-9

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erstellt am 13.Okt.2015 | 18:09 Uhr

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