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Literatur : Leere und Bedrückung: Stangls «Regeln des Tanzes»

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Demonstrationen gegen die österreichische ÖVP/FPÖ-Regierung in Wien im Februar 2000 sind die Kulisse des neuen Romans von Thomas Stangl.

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2013 | 12:17 Uhr

Der 47 Jahre alte preisgekrönte Wiener Autor beschreibt in «Regeln des Tanzes» aber nicht die politischen Ereignisse, sondern spiegelt aus der Innenperspektive von drei Figuren Empörung und Aufruhr, Lähmung und Ohnmacht. Ein gealterter, einst mit Kunsttheorie befasster Wissenschaftler und zwei Schwestern, Studentinnen und Tänzerinnen, erzählen im Wechsel über ihre Streifzüge durch die österreichische Hauptstadt.

Die ältere der beiden Schwestern Anfang 20, die bis zur vorletzten Seite ohne Vornamen bleibt, lässt sich mitreißen vom Strom der Demonstranten. Angesichts der «aus rechtsradikalen und Opportunisten zusammengemischten neuen Regierung unter der Führung zweier bösartiger Gnome und professioneller Lügner» fühlt sie «die Leere, Wut und Hilflosigkeit des Endes», heißt es gleich zu Beginn des ersten Kapitels. Und später: «Zwei bösartige Gnome wie aus einem schlechten Märchen haben mit einer Bande von Gaunern und Faschisten die Macht im Land übernommen, und ihr Leben bricht auseinander.»

Mona, die andere Schwester, verlässt immer wieder ohne Ankündigung die gemeinsame Wohnung. Diesmal taucht sie im Wald unter, wäscht sich nicht und hungert, landet gelegentlich in Kneipen oder bei Männern im Bett und verschwindet schließlich mit letzter Konsequenz in einer Art Befreiungsakt ganz. Zunächst ist nur sie die Tänzerin, obwohl: «niemand hat sie je tanzen gesehen, aber allen Eingeweihten scheint klar, dass sie eine Tänzerin ist». Tanzen ist in Stangls Roman einer der vielen mehrdeutigen Begriffe, und steht vor allem für: «die Regeln der Gesellschaft hinter sich lassen. Völlig anderen Regeln folgen.»

Die beiden Schwestern sind sich eigentlich nur äußerlich ähnlich, leiden aber beide unter dem Suizid ihres Vaters. Sie leben «in Erinnerung an eine Katastrophe und in Erwartung einer Katastrophe». Leere, Langeweile, Einsamkeit, Angst, Lieb- und Sinnlosigkeit verbindet sie innerlich mit der dritten Figur, Dr. Walter Steiner. Alle drei finden sich in ihrem Leben nicht mehr zurecht, irren seltsam sprach- und ziellos umher.

Steiner findet auf einem seiner Ausflüge durch Wien in einem Mauerspalt zwei Dosen mit Filmen und lässt sie entwickeln. Die Fotos zeigen die zwei Mädchen in einem «merkwürdigen Haus» mit Garten. Er sucht mit einiger Neugier die Begegnung und lässt sich dann ganz von der namenlosen Schwester mitreißen bis hin zu einem überraschenden Tanzakt auf der Bühne, der wenigstens vorübergehend Befreiung und Linderung bringt.

Stangls Roman ist kunstvoll konzipiert, sehr dicht geschrieben und strotzt vor Bildern, Zeichen, Zwischentönen und Mehrdeutigkeiten. Das Buch des Erich-Fried-Preisträger schaffte es unter die 20 Favoriten für den Deutschen Buchpreis 2013. Die nihilistische Erzählweise der Figuren lässt den Leser jedoch ähnlich ratlos zurück wie die Zuschauer nach der letzten Tanz-Vorstellung.

- Thomas Stangl: Regeln des Tanzes, Droschl Graz-Wien 2013 278 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-85420-846-4

Verlag Droschl über den Roman

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