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Literatur : Land der Kurven: Brasiliens Hommage ans Papier

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Der Besucher legt sich mitten unter Holzstämmen in eine Hängematte. Vor sich kann er auf einem Bildschirm Verse des Samba-Poeten Vinicius de Moraes lesen, während per Kopfhörer die passende Musik dazugeschaltet wird.

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erstellt am 08.Okt.2013 | 17:57 Uhr

Im brasilianischen Pavillon auf der Frankfurter Buchmesse gibt es eine kleine Urwald-Installation, sie ist aber ziemlich das einzige Zugeständnis an die Brasilien-Klischees.

  Stattdessen hat der diesjährige Ehrengast das 2500 Quadratmeter große Forum auf dem Messegelände in eine große Raumlandschaft im Stil des brasilianischen Modernismo verwandelt. Alle Installationen sind kurvig angelegt. Pate stand dafür die berühmte Architektur von Oscar Niemeyer (1907-2012) mit ihren kurvenreichen weichen Formen - sogar für die geschwungene Tischlandschaft.

  Doch anstelle von Niemeyers Stahlbeton haben die beiden brasilianischen Designer Daniela Thomas und Felipe Tassara Tausende von feuerfesten Pappkartons für ihre Installationen genommen - bedruckt und bemalt mit Auszügen aus Werken großer brasilianischer Autoren wie Jorge Amado. Oder mit Comic-Figuren wie der des Zeichners und Autors Ziraldo, er ist der Vater von Daniela Thomas.

Immer wieder öffnen sich im Pavillon neue Blicke. Das Forum ist hell und offen angelegt, im Stile einer großen öffentlichen Agora. Dort werden bis zum Sonntag die 70 nach Frankfurt angereisten brasilianischen Autoren lesen. «In Brasilien findet das Leben auf den öffentlichen Plätzen statt. Wir sind kein Land der Zimmer», sagt Thomas.

Bewusst hat die Designerin in ihrem eindrucksvoll gestalteten Pavillon das gute alte Druckmedium in den Mittelpunkt gestellt. «Papier ist organisch, es fühlt sich wundervoll an, und es hat dieselbe Temperatur wie unser Körper.» Der langsame Abschied vom Papier sei jedoch auch in Brasilien, das sich gerne als Land der Zukunft sieht, angebrochen.

   Rund sieben Millionen Euro lässt sich das Gastland Brasilien seinen Auftritt auf der Buchmesse kosten. Erneut hat beim Ehrengast - wie schon in den Vorjahren - die Auswahl der nach Frankfurt geschickten Autoren für Aufregung gesorgt. Der kommerziell erfolgreichste Autor Brasiliens, Paulo Coelho («Der Alchimist»), hat am Wochenende die Liste scharf kritisiert.

Das verstehen wiederum die Koordinatoren des Gastland-Auftritts nicht. Coelho habe wohl eine Sonderbehandlung erwartet, sagt Organisator Mario Lessa, Präsident der Stiftung Brasilianische Nationalbibliothek.

Seit Monaten stand auch Coelho auf der offiziellen Liste seines Landes, er ließ aber seine Teilnahme in Frankfurt im unklaren. Zensur kann man den Brasilianern bei der Autoren-Auswahl nicht vorwerfen. Sie haben sogar dafür gesorgt, dass nicht offiziell benannte Schriftsteller ein Reisestipendium bekommen können, wenn ein deutscher Verlag sie einlädt.

  Die sozialen Proteste der vergangenen Monate in Brasilien werden in Frankfurt in den kommenden Tagen wohl nur am Rande gestreift. Was nicht heißt, dass es keine Kritik gibt. «Wir sind gegenwärtig die siebtgrößte Wirtschaftsnation der Welt. Und stehen weiterhin an dritter Stelle der Ungleichheit», sagte Luiz Ruffato, einer der engagiertesten und wichtigsten Autoren Brasiliens, laut seiner vorab veröffentlichten literarischen Eröffnungsrede am Dienstag auf der Buchmesse.

75 Prozent des Reichtums seien im Besitz von zehn Prozent der weißen Bevölkerung. Ruffato erinnert an die Gewaltverbrechen in Brasilien, der jedes Jahr 37 000 Menschen zum Opfer fielen - dreimal mehr als im weltweiten Durchschnitt. Nicht die sich hinter hohen Mauern schützenden Reichen seien vor allem Opfer der Gewalt, sondern die Armen in den Favelas und Vorstädten.

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