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Literatur : Kirsten Boie berichtet über Armut in Afrika

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«Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen» - Kirsten Boie schreibt sie auf. Noch als sie mit ihrem Gepäck in Swasiland auf dem Flughafen saß und auf den Rückflug wartete, begann sie ihre erste Geschichte, wie die Hamburger Schriftstellerin berichtet.

shz.de von
erstellt am 22.Okt.2013 | 12:11 Uhr

Zu viel hatte die Kinder- und Jugendbuchautorin gesehen und gehört in dem kleinen afrikanischen Land mit rund einer Million Einwohnern und einer der höchsten Raten an HIV/Aids-Kranken weltweit. Die 63-Jährige hat Erschütterndes zu Papier gebracht - über Kinder in Swasiland, die zum Teil nicht älter sind als die Leser, die in Deutschland ihre Bücher verschlingen.

Vier Geschichten erzählt Boie. Da ist der elf Jahre alte Thulani, der in den Hügeln von Shiselweni lebt und sich nach dem Tod der Mutter um seine Gugu (Großmutter) und seiner kleine Schwester kümmern muss. Auch Sonto, der Boie die zweite Geschichte widmet, hat ihre Mutter verloren. Jetzt liest sie ihren kleinen Geschwistern aus dem «Memory Book» vor - eines jener Bücher, in die HIV-infizierte Mütter in Afrika schreiben, was sie ihren Kindern noch mit auf den Weg geben wollen. Da ist Lungile, die ihren Körper verkauft, weil die kleine Schwester Schuhe für die Schule braucht. Und da ist Sipho, der alleine mit seiner Großmutter lebt.

120 000 Kinder in Swasiland haben mindestens ein Elternteil verloren, viele von ihnen auch beide, berichtet Boie, die sich seit Jahren dort für ein Hilfsprojekt engagiert. «Auf der Fahrt durch das Land sieht man an den roten Sandpisten fast nur Kinder und alte Leute», schreibt sie. «Kinder, die so allein sind auf der Welt, dass sie nicht einmal wissen, wie ihr Leben eigentlich sein sollte. Um zu überleben, müssen sie Dinge tun, für die man kaum Worte finden kann.»

Boie hat Worte gefunden, sehr bildhafte und poetische, und erzählt vier bewegende Geschichten. «Wenn die Geschichten traurig sind, kann ich es darum nicht ändern», schreibt sie im Nachwort. «Trauriger als die Wirklichkeit sind sie nicht.»

Die Menschen in ihrem Buch, das Boie selbst Lesern ab zwölf Jahren empfiehlt («Für "Ritter-Trenk"- und "Möwenweg"-Interessenten ist das nichts»), gebe es alle. «So lange man die Kinder außerhalb ihrer Familien trifft, merkt man nicht sofort etwas. Besonders die Kleineren spielen, toben, sind fröhlich und frech», sagt sie. «Doch sobald man sie in ihren Hütten besucht, schlägt einem das Elend entgegen.» Dass sie ihre Geschichten auch aus dem Blickwinkel der Kinder erzählt, ließ Boie vor dem Schreiben ein wenig zweifeln. «Das waren mein Bedenken vor dem Schreiben, weil ich mich gefragt habe: Ist das nicht so eine Form von Usurpation? Ist das nicht so eine Art von literarischem Kolonialismus?», erklärt sie.

Boie: «Nun ist es ja einerseits das, was man als Autor permanent tut. Ich schreibe ja auch aus der Perspektive von 13-jährigen Jungs oder aus der von 75-jährigen blinden Millionären - beides ja auch nicht wirklich meine Welt. Aber ich denke, das ist schon noch mal etwas anderes, da es sich ja um denselben Kulturkreis handelt.» Außerdem: «Welche Alternative gibt es?» Gleich bei der ersten Lesung aus dem Buch im Lübecker Kinderliteraturhaus erntete die Autorin eine positive Reaktion von einem aus dem Senegal stammenden Zuhörer: «Dass gerade er auf viele Passagen des Textes zustimmend reagiert hat, fand ich sehr beruhigend.»

- Kirsten Boie: Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen. Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg, 112 S., 12,95 Euro, ISBN 978-3789120190

Verlag Friedrich Oetinger

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