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Literatur : Jungautor Joël Dicker sorgt für literarische Sensation

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Wenn der Roman eines unbekannten Autors voller Seitenhiebe auf Verlage und Verleger zu einem grandiosen Bestseller wird, bestätigt dies mindestens zwei Dinge: Verleger können verzeihen und es gibt noch Wunder auf dem Buchmarkt.

Joël Dicker ist so eine Sensation gelungen. Mit 27 Jahren hat der frankophone Schweizer die Literaturszene der Grande Nation aufgemischt, den Sado-Maso-Schmöker «Fifty Shades of Grey» vom ersten Platz der Bestsellerliste verdrängt und einige bedeutende französische Literaturpreise eingeheimst. Jetzt liegt sein phänomenaler Erfolg «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» auch auf Deutsch vor.

«Wissen Sie, was ein Verleger ist?», lässt Dicker in seinem Buch den erfahrenen Autor und Literaturprofessor Harry Quebert seinen Ex-Schüler Marcus Goldman fragen. «Ein gescheiterter Schriftsteller, dessen Papa reichlich Kohle hatte und es ihm ermöglichen konnte, sich das Talent anderer anzueignen.» Auf den einen oder anderen in der Branche mag das passen, nicht jedoch auf Bernard de Fallois.

Als der Besitzer des kleinen Pariser Verlags Éditions de Fallois das Manuskript des jungen Genfers auf den Tisch bekam, war er mit den Gedanken bei seinem längst geplanten Rückzug in den Ruhestand. De Fallois hatte Dickers Debütroman «Les Derniers Jours de nos Pères» in Frankreich herausgebracht. Ein schöner Achtungserfolg. Dass der Schweizer Talent hat, glaubte der weit über 80-jährige Verleger durchaus. Aber um dessen Entwicklung sollte sich der nächste Besitzer des Verlages kümmern.

Dann begann De Fallois zu lesen. Rasch erkannte der alte Fuchs, dass er einen literarischen Schatz in den Händen hielt. Er sagte seinen Familienurlaub ab, wischte die Pensionspläne vom Tisch und konzentrierte sich auf die Herausgabe des neuen Dicker-Romans. Bald überschlug sich in Frankreich und der frankophonen Westschweiz das nahezu hymnische Kritikerlob. In Deutschland rangen mehrere Verlage um die Rechte - bis Piper in München schließlich den Zuschlag erhielt.

«Meisterwerke schreibt man nicht, sie entstehen einfach», lässt Dicker einen seiner Helden Harry Quebert sagen - um dann eindrucksvoll die Angst des Schriftstellers vor dem leeren weißen Blatt zu schildern. Er selbst scheint sich bei seinem ebenso humorvollen wie spannenden «Zweitling» nicht besonders gequält zu haben, einer wendungsreichen Mischung aus Crime-and-Sex-Thriller, Gesellschaftsroman und Lernhilfe für Möchtegern-Schriftsteller.

Einen «großen amerikanischen Roman» wollte der studierte Jurist schreiben, der 1985 in einer Genfer Familie mit sowohl französischen als auch russischen Wurzeln geboren wurde. So ein Buch muss natürlich in den USA und dort am besten im gutbürgerlichen und traditionsbewussten Neuengland spielen.

Dicker entschied sich für eine Kleinstadt in New Hampshire. Hier hofft Marcus Goldman nach einem sensationellen Debüterfolg darauf, dass sein einstiger Mentor, der Literaturprofessor Harry Quebert ihm den Weg aus der Finsternis einer schlimmen Schreibblockade weisen kann.

Doch statt der Inspiration stößt Goldman auf die Erkenntnis, dass der Professor vor mehr als drei Jahrzehnten ein Liebesverhältnis mit einer minderjährigen Muse namens Nola hatte. Die Beziehung hatte Quebert in einem damals ebenfalls hype-artig bejubelten Erfolgsroman verarbeitet. Kaum war Goldman hinter das Geheimnis seines Lehrmeisters gekommen, da wird die verweste Leiche des jungen Mädchens in Queberts Garten entdeckt.

Der unverhoffte Kriminalfall erweist sich für Goldman - sein Verlag pocht drohend auf die Lieferung des vertraglich vereinbarten nächsten Buches - als der lange gesuchte Rettungsanker. Überzeugt von der Unschuld seines Ex-Mentors ermittelt er auf eigene Faust. Jetzt nimmt der Roman so richtig Fahrt auf. Dicker zieht alle Register, wechselt virtuos zwischen Zeitebenen und Erzählstilen, von Dialogen zu Polizeiprotokollen. Bald steht die halbe Einwohnerschaft der Kleinstadt unter Verdacht. Da ist immer viel Tempo, viel Abwechslung drin.

Bei all dem entsteht das Bild eines Amerika, das an jenes in großen Romanen von Philip Roth, John Updike oder Saul Bellow denken lässt. Gewürzt mit einer Prise «Lolita» von Vladimir Nabokov. Tatsächlich ist dem Schweizer ein «page-turner à l'américaine» gelungen, wie die Genfer Zeitung «Le Temps» lobte. Dennoch erscheinen Kritiken stark übertrieben, die Dicker fast schon auf eine Stufe mit jenen großen Autoren-Vorbildern stellen wollen, an die sein Buch erinnert.

Wie wohltuend, dass Dicker selbst trotz seines Riesenerfolgs auf dem Teppich bleibt. Er sei ja noch recht jung und da wäre es wohl «schrecklich, wenn dieses Buch perfekt wäre», sagte der Autor im Interview mit Deutschlandradio Kultur. «Dann könnte ich nur mehr herumsitzen und auf den Tod warten. Aber es ist wunderbar, zu wissen, dass es viele Dinge gibt, die ich besser machen kann und an denen ich arbeiten kann, beim nächsten Roman, und beim darauffolgenden.»

Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert. Piper Verlag, München, 736 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 978-3-492-05600-7

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erstellt am 19.Aug.2013 | 00:30 Uhr

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