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Literatur : James Salter: «Ich bin niemals völlig zufrieden»

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James Salter sitzt im Wintergarten seines kleinen Häuschens in Bridgehampton, einem Nobelvorort von New York. Vögel singen, Autos rauschen vorbei, und aus der Stereoanlage klingen Klaviertöne von Vladimir Horowitz.

Hier verbringt der US-Schriftsteller normalerweise recht ungestört den Großteil des Jahres. Aber seit er nach fast 35 Jahren erstmals einen neuen Roman herausgebracht hat und «Alles, was ist» in den USA auch noch enthusiastisch gefeiert wurde, ist der 88-Jährige zurück im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit.

Er sehe das als seine Pflicht an, sagt Salter im Interview der Nachrichtenagentur dpa - und verrät außerdem seine liebsten Erinnerungen an Deutschland und wie lange er noch weitermachen möchte.

Frage: Warum haben Sie jetzt nach so vielen Jahren einen neuen Roman veröffentlicht?

Antwort: Ich habe zwischendurch keine geschrieben, weil ich an anderen Dingen gearbeitet habe. Es gibt eigentlich keinen bestimmten Grund dafür. Ernsthaft arbeite ich an diesem Buch seit ungefähr 2003. Ich habe seitdem nicht nur daran gearbeitet, aber damals haben die Notizen und Ideen langsam Sinn gemacht. So dass ich sehen konnte, dass ich anscheinend einen Roman schreibe, auch wenn ich am Anfang nicht viel hatte.

Frage: Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Antwort: Ich bin niemals völlig zufrieden. Es könnte besser sein.

Frage: Das Buch handelt unter anderem auch von der Verlagswelt der fünfziger und sechziger Jahre. Fühlen Sie sich in der heutigen Verlagswelt mit E-Books, Amazon und alldem zu Hause?

Antwort: Ich schreibe immer noch alles mit der Hand. Wenn es gut genug ist, tippe ich es mit einer Schreibmaschine ab und mache dann per Hand Notizen an den Rand. Ich habe einen Computer, aber auf dem schreibe ich nicht, nur E-Mails. Ich habe auch keine Webseite und kein Profil bei Facebook. Um einiges davon kümmert sich mein Verleger. Aber ich habe keinen Kontakt zu meinen Lesern. Und die Besprechungen auf Amazon sind doch nutzlos - man kann dort idiotische Besprechungen bekommen, die einen loben, und idiotische, die das Buch überhaupt nicht verstanden haben.

Frage: Stört es Sie, dass Sie trotz all des Kritiker-Lobs nie so bekanntgeworden sind und nie so viele Bücher verkauft haben wie beispielsweise ein Philip Roth? Sie galten immer als ein «Schriftsteller für Schriftsteller».

Antwort: Ach, ich bin was ich bin. Das akzeptiere ich. Und dieses «Schriftsteller für Schriftsteller» ist etwas, was ich einfach nicht losbekomme, wie einen Spitznamen. Es deutet ja an, dass ich zu gut schreiben würde, das scheint mir lächerlich.

Frage: Sie waren für die US-Luftwaffe lange in Deutschland stationiert - sprechen Sie noch Deutsch?

Antwort: Nein, ich sprach auch damals nur Speisekarten-Deutsch.

Frage: Was ist Ihre liebste Erinnerung an Deutschland?

Antwort: Am schönsten war es, als ich mit meinem Verleger Arnulf Conradi auf Lesereise gegangen bin. Die deutsche Stimme von Robert De Niro, Christian Brückner, war auch dabei. Ich habe auf Englisch gelesen und er auf Deutsch. Er war ein wunderbarer Vorleser und ich habe sehr viel von ihm gelernt. Er hat gelesen, als wäre er im Wohnzimmer der Menschen, mit einem großartigen Gefühl von Intimität und Glauben an den Text. Ich hätte seinem Deutsch endlos zuhören können. Es gab mir irgendwie ein ganz neues Gefühl für mein eigenes Buch.

Frage: Warum haben Sie aufgehört, für Hollywood zu schreiben?

Antwort: «Oh, was für eine Verschwendung. Man muss so viele Skripte schreiben und nur ein Viertel oder Fünftel davon wird umgesetzt. Und aus dem besten Skript, das ich geschrieben habe, wurde der schlimmste Film («Ein Hauch von Sinnlichkeit», verfilmt 1969 von Sidney Lumet), weil der Regisseur ganz andere und aus meiner Sicht idiotische Ansichten darüber hatte. Und die Besetzung war lächerlich. Omar Sharif und Anouk Aimée haben die Rollen bekommen, weil sie Stars waren, aber keiner von beiden passte in den Film. Nach einer Weile wird man entmutigt.»

Frage: Wie sehen Ihre Tage heute aus?

Antwort: Am schönsten ist der Anfang, dann frühstücken und reden meine Frau und ich hier im Wintergarten - zumindest zwischen Juni und September. Dann arbeite ich ein wenig, hauptsächlich E-Mails und ich bekomme all diese Anfragen für Lesungen. Ich reise nicht mehr gern, aber sie schreiben dann: «Es ist doch nur in Brooklyn und wir bezahlen auch die Anfahrt.» Und man hat ja Verpflichtungen, also nehme ich einige Anfragen an. Dann muss ich Bücher lesen von alten Freunden, oder solche, die mir gewidmet werden. Danach essen meine Frau und ich zu Mittag. Dann verschwende ich ein paar Stunden, weil ich um diese Zeit nicht so viel Energie habe. Und dann kochen meine Frau und ich zusammen Abendessen.

Frage: Arbeiten Sie denn auch an einem neuen Buch?

Antwort: Noch nicht. Möglicherweise bin ich irgendwann gezwungen, in Rente zu gehen, aber noch habe ich das nicht vor. Innen drin fühle ich mich immer noch ziemlich jung, aber natürlich mache ich mir Gedanken über das Älterwerden. Die 90 machen mir keine Angst. Ich möchte leben, bis ich 92 bin.

Informationen des Berlin Verlags zu Salter

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erstellt am 16.Sep.2013 | 15:33 Uhr

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