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Literatur : Jakob Augstein denkt über Revolution nach

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Darf man den Staat sabotieren, wenn einem das System nicht passt? «Freitag»-Verleger Jakob Augstein geht dieser Frage in seinem neuen Buch «Sabotage» nach.

shz.de von
erstellt am 12.Sep.2013 | 10:27 Uhr

Jakob Augstein malt ein düsteres Bild von Deutschland. Er bedient sich dabei in seinem neuen Buch «Sabotage» der Geschichte von Hiob aus dem Alten Testament - Stichwort: Hiobsbotschaft. Früher war alles besser: «Leistung und Fairness sind nicht mehr die prägenden Prinzipien unseres Systems. Zwischen Verdienst und Leistung besteht keine Verbindung, und Fairness ist in diesem System Zufall.» Der Sohn des verstorbenen «Spiegel»-Gründers Rudolf Augstein lässt in dem rund 300-seitigen Werk zum Thema Politik und Bürgerwiderstand kaum ein gutes Haar an Angela Merkel oder Peer Steinbrück. «Strauß, Kohl, Brandt, Schmidt, Schröder, Fischer: Sie hatten ja alle Projekte, Visionen, Feinde, Hoffnungen.» Augstein, Verleger der Zeitung «Der Freitag» und «Spiegel»-Miteigentümer, sieht eine wesentliche Ursache der derzeitigen Misere in der Dominanz der Finanzwirtschaft. «Die Entfesselung der Finanzmärkte, die in den Jahren der Reagan-Thatcher-Ära ihren Anfang nahm, hat die (gesellschaftliche) Ungleichheit befördert, und die Ungleichheit hat zur weiteren Entfesselung der Finanzmärkte geführt.»

Kein Wort darüber, dass sich nach dem auf der Realwirtschaft basierenden «Wirtschaftswunder» seit den späten 1980er Jahren eine Stimmung in allen Schichten der Gesellschaft breitmachte, wonach der Spekulant mit seinen Millionengewinnen mehr bewundert wurde als der Mittelständler, der 100 Menschen Beschäftigung gab. Kein Wort in seiner Analyse der jüngeren Vergangenheit darüber, dass die Lockerung der ohnehin spärlichen Fesseln für den Finanzmarkt - vor allem unter Rot-Grün - in der gesamten Gesellschaft beklatscht wurde, von Ausnahmen wie Oskar Lafontaine abgesehen. Es waren nämlich auch Kleinanleger, die sich aus Gier, aber ohne Sachkenntnis von Bankern hochriskante Finanzprodukte aufschwatzen ließen - in der Hoffnung, wie die Großen der Spekulantenbranche das schnelle Geld zu machen. Der «entgrenzte Kapitalismus» spiegele das Versagen der Politik, schreibt Augstein. «Es fehlt nicht an Wissen. Es fehlt an der Entschlossenheit, dieses Wissen zu Politik zu machen. Die Frage ist: Warum versagen unsere Politiker? Und: Warum lassen wir das zu?» Wäre Gewalt hier eine Antwort? Soll der Bürger für die Rückgewinnung von mehr Gerechtigkeit auf die Straße gehen, Steine werfen oder zumindest Farbbeutel? Der 46-jährige Publizist sinniert in seinem Prolog umständlich darüber, wie ein Farbbeutel angefertigt werden kann. «Die Herstellung eines Farbbeutels ist keine einfache Sache.» Der eine oder andere Leser denkt bei der Passage möglicherweise an die Attacke gegen den früheren Grünen-Spitzenpolitiker und Außenminister Joschka Fischer im Mai 1999 auf dem Bielefelder Parteitag. Augstein bleibt aber im Unkonkreten. Er spielt, nein: er kokettiert mit dem Gewaltgedanken in seiner Auseinandersetzung mit Politik, ohne an irgendeiner Stelle des gesamten Buches konkreter zu werden. «Warum sind wir so unempfindlich geworden für das Pathos der Revolution», fragt er den Sozialwissenschaftler Wolfgang Kraushaar in einem als Kapitel eingeschobenen Interview. Kraushaar, der sich in den 1970ern nach eigenen Worten in der Frankfurter Hausbesetzerszene bewegte, weicht aus. Augstein selbst schreibt zu dem Thema: «Das Tabu der Gewalt ist eines der wenigen, das hält. ... Wer würde öffentlich zu Gewalt aufrufen? Er würde sich strafbar machen, nach Gesetz und nach öffentlicher Meinung.» Und dann geht der Autor weiter, noch ein bisschen jedenfalls: «Aber wer die Gewalt verdammt, sollte sich auch darüber klar werden, was er damit aufgibt, wo eigentlich die Gewalt beginnt, wer sie ausübt und wer ihr Opfer wird. ... Es ist an der Zeit, wieder das Wünschen zu lernen. Und das Handeln.» Aber: Wer sollte in Deutschland denn für wen oder was auf die Straße gehen? Als vor knapp zehn Jahren Gewerkschaften und Linke zu den Montagsdemonstrationen gegen die Hartz-Gesetze aufriefen, war das Echo ernüchternd. Einige Zehntausend kamen, aber deren Zahl nahm schnell ab. Damals waren die Gründe, auf die Straße zu gehen, recht handfest, bargen aber offensichtlich trotzdem nicht genügend sozialen Sprengstoff. Indessen zeugt es von einem gewissen Hedonismus, im Intellektuellenmilieu über eine Revolution für mehr Gerechtigkeit zu philosophieren. Es sind häufig Klischees, die Augstein bedient, so dass es selbst seinem Gesprächspartner Kraushaar zu viel zu werden schien: «Wenn wir so im Ungefähren diskutieren, wissen wir nicht, ob wir von einer akteursbezogenen Gewalt reden oder von einer strukturellen Gewalt....» Und schließlich: «Ach, lassen wir die Rede von dem Politiker. Den gibt es doch gar nicht. Das ist nichts anderes als eine Floskel, ein Klischee, mit dem Parteien und Parlamente diskreditiert werden sollen.»

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