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Literatur : Inspiration oder Ideenklau? - Plagiate in der Literatur

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Es ist ein kleines Déjà-vu: Rund drei Jahre nachdem Helene Hegemann als 17-Jährige mit ihrem Erstlings-Werk «Axolotl Roadkill» einen Plagiatsskandal auslöste, trifft es nun einen weiteren Bestseller-Autor.

Der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli soll in seinen Erfolgsbüchern «Die Kunst des klaren Denkens» und «Die Kunst des klugen Handelns» von Kollegen abgeschrieben haben - ganze Passagen, ohne sie zu kennzeichnen. Sein Verlag Hanser hat inzwischen reagiert und betont, die Bücher mit entsprechenden Quellenhinweisen neu aufzulegen. Autor Dobelli gibt sich auf seiner Homepage kleinlaut: «Für die Fehler übernehme ich die volle Verantwortung.»

Dabei ist gerade Dobellis Genre ein besonders kompliziertes für die Plagiatsdebatte, wie der Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn sagt, der 2009 eine Literaturgeschichte des Plagiats veröffentlicht hat. «Das populäre Sachbuch lebt ja vor allem von der allgemeinverständlichen Aufbereitung und Aufarbeitung bereits dokumentierter Erkenntnisse. Die Frage nach geistigem Eigentum, danach, wo Inspiration aufhört und Ideenklau anfängt, ist deswegen da besonders schwer zu beantworten.»

Den Stein ins Rollen brachte der libanesische Autor Nassim Taleb («The Black Swan»). Ihm folgten Christopher F. Chabris und Daniel J. Simons («The Invisible Gorilla»), die ebenfalls Vorwürfe erhoben. Dobelli und Taleb sind Freunde - oder waren es zumindest. Heute greift Taleb Dobelli übers Internet scharf an und schreibt zum Beispiel auf seiner Homepage: «If you see fraud and don't shout fraud, you are a fraud.» (deutsch: Wenn Du Betrug siehst und nicht Betrug rufst, bist Du ein Betrüger.)

Betrug? Dobelli, ein Betrüger? Der Hanser Verlag sagt Nein. «Rolf Dobelli verhehlt an keiner Stelle, dass er durch den häufigen und intensiven Gedankenaustausch mit Nassim Taleb inspiriert und angeregt wurde», heißt es in einer Stellungnahme. In vielen Fällen beziehe er sich auf Sachverhalte, die bei Taleb zwar auch vorkämen, aber nicht auf ihn zurückgingen.

Im übrigen habe Taleb bereits im Februar ein Exemplar der englischen Übersetzung «The Art of Thinking Clearly» bekommen und das Buch im Mai gemeinsam mit Dobelli in New York vorgestellt. «Warum Taleb Bedenken an Rolf Dobellis Buch nicht vorher mit ihm angesprochen hat, erscheint uns unverständlich», wundert sich Hanser. Dennoch: «Wo es berechtigte Vorwürfe gibt, werden selbstverständlich Korrekturen vorgenommen.»

Wie bei den alten Griechen sei das, sagt Plagiatsforscher Theisohn. Schon damals gab es Autoren, die zunächst gemeinsam arbeiteten, sogar in Autorengemeinschaften, und dann, als sie mit ihren Stücken im Wettbewerb gegeneinander antreten mussten, plötzlich um die geistige Urheberschaft stritten. Auch Sigmund Freud habe sich mit seinem Kollegen und Kontrahenten Wilhelm Fließ um die Urheberschaft der Bisexualitäts-These derart gestritten, dass dieser sogar das Gerücht verbreitete, Freud habe bei einer Bergwanderung versucht, ihn in den Abgrund zu stürzen. «So etwas geht mitunter bis aufs Blut», sagt Theisohn.

In jüngerer Zeit machten bekanntermaßen in erster Linie wissenschaftliche Plagiatsskandale Schlagzeilen, die zwei Minister aus dem Kabinett von Angela Merkel das Amt kosteten. Erst musste Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gehen, später Annette Schavan (CDU).

Doch auch vor der Literatur machten die Skandale nicht halt. Dem gefeierten Maori-Schriftsteller Witi Ihimaera wurde Ideenklau vorgeworfen, und natürlich Helene Hegemann, die in diesem Jahr ihren zweiten Roman «Jage zwei Tiger» auf den Markt gebracht hat - bislang ohne Plagiatsskandal. Der aber verfolgt sie noch immer. Ganze Passagen soll sie für «Axolotl Roadkill» aus dem Roman «Strobo» übernommen haben.

«Es gab ja keinen einzigen Artikel, der dieses angebliche Plagiat konkret aufgezeigt hat», sagt sie heute. «Sonst hätte sich herausgestellt, dass es um zwei von insgesamt 200 Seiten geht. Aber der allgemeine Duktus lief ja darauf hinaus: Ach, das ist die, die aufgrund mangelnder Coolness ein fremdes Buch kopieren musste.» Die Frage, ob es sich um Ideenklau oder doch nur Inspiration handle, lasse sich in den meisten Fällen eigentlich ganz schnell beantworten, sagt Theisohn: «Je nachdem, wen man fragt. Wer nimmt, ist inspiriert, wem genommen wird, der sieht sich bestohlen.»

- Philipp Theisohn: «Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte», Verlag: Kröner, 2009, ISBN: 978-3520351012

Rolf Dobelli

Nassim Nicholas Taleb bei Facebook

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erstellt am 25.Sep.2013 | 14:17 Uhr

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