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Literatur : In Kroatien liegt der Buchmarkt in Trümmern

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Das neue EU-Mitglied Kroatien leidet immer noch unter den Folgen des blutigen Bürgerkrieges. Er ist einer der Gründe, warum auch der Buchmarkt in Trümmern liegt.

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2013 | 13:23 Uhr

Wenn man in diesem Hochsommer an den langen Adriastränden die Lektüre der kroatischen Urlauber betrachtete, suchte man einheimische Belletristik vergebens. Wenn jemand überhaupt ein Buch zur Hand nimmt, ist es meist ein Krimi aus Skandinavien. Die heimischen Autoren haben es schwer. In dem kleinen Land mit nur 4,4 Millionen Einwohnern schreibt man schon einen Bestseller, wenn 2000 Buchexemplare einen Käufer finden. Und das hat viele Ursachen.

Bei einer repräsentativen Umfrage im vergangenen Jahr gaben fast die Hälfte der Befragten an, sie interessierten sich überhaupt nicht für Bücher. Niemand und nichts könne sie bewegen, irgendwann einmal ein Buch zu kaufen, gab mehr als die Hälfte an. 53 Prozent der Befragten hatten ihren Kindern noch nie etwas vorgelesen. «Da ist der Zusammenbruch des Verlagswesens bei uns kein Wunder», resigniert der Fachjournalist Gordan Duhacek.

Der Krieg habe in den 90er Jahren «eine supernationale, aber total langweilige Literatur» hervorgebracht, analysiert Duhacek die Ursachen der Lese-Unlust: «Da haben sich die meisten abgewendet und heute besitzen sie wegen der wirtschaftlichen Misere kein Geld mehr zum Bücherkauf.» Die Literaturkritikerin Jadranka Pintaric sieht das ähnlich. Die soziale Mittelschicht mit ihren früher typischen Buchkonsumenten sei zerstört oder schon lange ausgewandert. In den Schulen müsse eine breite Werbekampagne dafür sorgen, dass das Lesen wieder salonfähig wird.

Dabei ist ein solides Grundinteresse der Leserschaft auch an kroatischen Autoren unübersehbar. Das zeigt die Begeisterung zum Beispiel bei der letzten «Nacht des Buches» im April mit bestens besuchten Lesungen an öffentlichen Plätzen. Auch die Ausleihzahlen der Stadtbüchereien machen Mut. Doch wie die Bücher bei Miniauflagen preiswerter und damit für Käufer attraktiver werden könnten, weiß niemand so richtig.

Auf der Leipziger Buchmesse vor fünf Jahren trat Kroatien als Partnerland auf. Seitdem sind verstärkt kroatische Autoren ins Deutsche übersetzt worden - der Roman «Ich träumte von Elefanten» von Ivica Djikic (geb. 1977) zum Beispiel in diesem Jahr: Eine Geschichte im Beziehungsgeflecht von Geheimdiensten, Armee und der Mafia in den kriegerischen 90er Jahren. Oder der Roman «Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr» von Zoran Feric (geb. 1961) im letzten Jahr: Er zeichnet ein ironisches Bild der Jugend im untergegangenen kommunistischen Tito-Jugoslawien.

«Unser Mann vor Ort» (deutsch 2011) von Robert Perisic (geb. 1969) nimmt sich eines der zentralen literarischen Themen Kroatiens an: Des Übergangs von der kommunistischen Gesellschaft über Krieg (1991-1995) und Raubtierkapitalismus bis zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft und der Re-Industrialisierung des Landes, die durch den EU-Beitritt am 1. Juli vorangebracht werden soll.

Perisic gehört wie Olja Savicevic-Ivancevic (1974) der sogenannten verlorenen Generation an, die durch Kriegsgewalt und revolutionäre Umbrüche in Staat und Gesellschaft geprägt wurden. In «Lebt wohl, Cowboys» (deutsch 2011) zeigt sie die andere Seite der Alltagswelt in Dalmatien, das sonst nur in den Hochglanzprospekten der Urlauber vertreten ist. Die Brüche zwischen Gestern und Heute können sich für die Menschen dort schnell in private Höllen verwandeln.

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