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Literatur : In «Kafkas Leoparden» wird mit der Literatur gespielt

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Brasilien ist im Oktober Partnerland der Frankfurter Buchmesse. Das bietet die Chance, viele anregende und unkonventionelle Texte zu entdecken, wie etwa «Kafkas Leoparden» von Moacyr Scliar.

shz.de von
erstellt am 24.Sep.2013 | 12:37 Uhr

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der junge Benjamin. Er übernimmt im Jahr 1916 für einen Freund eine abenteuerliche Mission. War er bislang kaum aus seinem ukrainischen Dorf herausgekommen, so macht er sich mitten im Krieg auf den Weg nach Prag, um einen Text zu holen. Dieser soll entschlüsselt werden, um das nächste Ziel für die kommunistischen Revolutionäre zu erkennen.

Soweit der Plan. Dann muss der Pechvogel Benjamin feststellen, dass ihm unterwegs einige wichtige Unterlagen abhanden gekommen sind. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als zu improvisieren. Auf abenteuerlichen Wegen kommt er an einen Text, aber der hat es in sich. Es ist ausgerechnet ein Aphorismus, der mit den Worten «Leoparden brechen in den Tempel ein» beginnt, den ihm der Autor Franz Kafka höchstpersönlich in die Hand drückt.

Benjamin kann den Sinn der vier Kafka-Zeilen nicht ausmachen, muss ihn jedoch entschlüsseln, um seinen Plan zu Ende zu bringen. Man spürt geradezu den Spaß, den Scliar hatte, als er seinen naiven Helden die rätselhaften Zeilen interpretieren ließ. «Dieser Kafka war recht kompliziert», beklagt sich Benjamin und dürfte damit praktisch allen Kafka-Lesern aus der Seele sprechen. Aber die besondere Art und Weise, wie sich Benjamin mit dem Test abmüht, ist hohe Komödienkunst.

Eingebettet ist diese Geschichte in eine ernste Rahmenhandlung. Der nach Brasilien ausgewanderte Benjamin sucht nach Möglichkeiten, seinen während der Militärdiktatur verhafteten Neffen aus dem Gefängnis zu holen. Und dabei kommen Kafkas Leoparden wieder zum Vorschein. Scliar bringt die verschiedenen Ebenen der Erzählung auf höchst innovative Weise zusammen und sorgt so für großen Lesegenuss.

Der 1937 geborene Moaryc Scliar hat sich in den meisten seiner zahlreichen Texte mit Erlebnissen von Juden in Europa oder der brasilianischen Diaspora beschäftigt. Das Mischwesen Zentaur wurde bei ihm zum Symbol für die doppelte Identität der Juden in Brasilien. In einem Interview mit der Zeitschrift «Jewish Reader» kommentierte er 2003: «Zu Hause spricht man Jiddisch und feiert den Sabbat, und draußen warten Fußball, Samba und Portugiesisch.» 2011 starb er in seiner Heimatstadt Porto Alegre.

Moacyr Scliar: Kafkas Leoparden. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf, 132 Seiten, Euro 18,90, ISBN 978-3-940357-33-5

«Kafkas Leoparden» beim Lilienfeld Verlag

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