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Literatur : In Eschbachs «Todesengel» führt Selbstjustiz zu Ruhm und Elend

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Die tragische Szenerie am Romananfang ist nur zu bekannt. Ein alter Mann wird spätabends auf einem leeren Bahnsteig zusammengeschlagen. Aber dann läuft es anders als sonst.

Wie aus dem Nichts erscheint eine leuchtende Gestalt, unmittelbar bevor der Angegriffene das Bewusstsein verliert. Als er wieder wach wird, sind Helfer da - und die beiden Angreifer liegen erschossen neben ihm.

Niemand glaubt dem Mann, und er gerät selbst unter Mordverdacht, bis ein Journalist Beweise für die Existenz einer solchen leuchtenden Gestalt findet, die in der Presse schnell den Namen «Racheengel» bekommt. Der alte Mann kommentiert: «Falls es ein Engel war, der Unschuldige beschützt, hat er ja jede Menge zu tun heutzutage.» In wenigen Tagen sterben zwölf Menschen, als sie wehrlose Opfer überfallen. Andreas Eschbach (54) zeigt in «Todesengel», wie dieser Kriminalfall von den Medien aufgegriffen und ausgeschlachtet wird.

Für den Journalisten scheint sich die Gelegenheit seines Lebens zu bieten. Eschbach schildert, wie eine sensationsgierige Presse ein ideales populistisches Thema gefunden hat und gnadenlos ausschlachtet. Ein mächtiges Medienhaus richtet eine tägliche Talkshow in seinem eigenen Fernsehsender ein, und der Journalist wird als Moderator dieser Show zum Sprachrohr einer moralisch fragwürdigen Geisteshaltung, in der der Rachemörder zum Helden stilisiert wird. Er sieht seine Rolle als «persönlichen Kreuzzug für eine bessere Welt».

Alles scheint perfekt zu laufen, aber dann bekommt das Bild erste Risse. Die Justizbehörden bestehen darauf, dass nur sie das Recht haben, Gewalt anzuwenden, und finden gute Begründungen dafür. Und die Opfer des «Racheengels» hinterlassen Angehörige, die nun dem Journalisten eine Mitschuld an den Todesfällen geben und ihn bedrohen. Innerhalb kürzester Zeit wird aus seinem Traum vom Erfolg ein Alptraum aus Erfolgsdruck und persönlicher Bedrohung.

Aber wer ist dieser geheimnisvolle Todesengel, der stets scheinbar aus dem Nichts als leuchtende Erscheinung auftaucht, Menschen das Leben rettet, indem er andere tötet, und dann spurlos wieder verschwindet? Allmählich wandelt sich der Roman von der Mediengeschichte zum Kriminalroman. Der ermittelnde Kommissar wird vorübergehend zur Hauptfigur und die Erzählung begleitet die lange Zeit fruchtlosen Ermittlungen.

Erst ein anonymer Hinweis bringt den Fall einer Aufklärung näher. Es gibt eine Verbindung zu einem 15 Jahre zurückliegenden Fall, bei dem ein Mann zu Tode geprügelt wurde, als er einige Kinder vor den Belästigungen von Jugendlichen beschützen wollte. Dieser Fall, eindeutig dem tragischen Schicksal des Münchners Dominik Brunner nachgezeichnet, zeigt, wie nahe die Romanhandlung an der Erfahrungswelt der Gegenwart angesiedelt ist.

Ebenso, wie der Roman beständig an die Realität erinnert, zwingt er die Leser zu moralischen Urteilen. Vor allem, als die Handlung sich auf einen tragischen Höhepunkt zubewegt. Mag Eschbach anfangs noch scheinbar einer populistischen Selbstjustiz Argumente liefern, so zeigt er letztlich die Folgen eines solchen Gedankengutes in all seiner Schrecklichkeit konsequent auf. Der anfängliche Reißer entwickelt sich mehr und mehr zu einem moralischen Lehrstück über die Gesellschaft der Gegenwart.

- Andreas Eschbach: Todesengel. Gustav Lübbe Verlag, München, 541 Seiten, Euro 19,99, ISBN 978-3-7857-2481-1

Homepage von Andreas Eschbach

«Todesengel» beim Gustav Lübbe Verlag

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erstellt am 16.Okt.2013 | 14:21 Uhr

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