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Literatur : Große Tagebücher von Pepys bis Herrndorf

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«Einfach zum Kringeln» fand Richard Burton seine Frau Elizabeth Taylor, wenn sie vor dem Schlafengehen gemeinsam Gymnastik machten. «Es ist besonders komisch, wenn wir beide auf der Stelle laufen», schreibt er in seinem Tagebuch, «weil sie dabei ihre Brüste festhalten muss - eine in jeder Hand».

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erstellt am 09.Okt.2013 | 16:17 Uhr

Diese Brüste, so fährt der Schauspieler fachmännisch fort, seien zwar noch recht fest, doch «sind sie ziemlich groß, und das Gewackel wäre lästig und außerdem nicht gut für Elizabeth». Richard Burton gehört vielleicht nicht zu den galantesten Tagebuchschreibern dieser Welt, aber witzig ist er allemal.

In seinem Buch «Heute bedeckt und kühl» hat der Autor und Kritiker Michael Maar besonders schöne Beispiele dieses Genres zusammengestellt. Sein vergnüglicher Streifzug durch die Welt der Tagebücher führt vom Entdecker Christoph Kolumbus und dem bekannten englischen Tagebuchschreiber Samuel Pepys bis zu Walter Kempowski und dem kürzlich verstorbenen Autor Wolfgang Herrndorf. Dieser allerdings schrieb schon nicht mehr auf Papier, sondern führte ganz zeitgemäß einen Blog im Netz.

Warum schreiben Menschen überhaupt Tagebücher? Die Selbstreflexion ist sicherlich ein wichtiger Grund, zudem will man den flüchtigen Augenblick festhalten. Bei vielen Tagebuchschreibern spielt aber auch Einsamkeit eine große Rolle. Warum sonst hätte denn der heute kaum noch bekannte Schweizer Autor Henri-Frédéric Amiel (1809-1881) ein beängstigendes «Textmassiv» von annähernd 17 000 Seiten hinterlassen? Das Tagebuch als Gefährte und Vertrauter. Ganz besonders in Diktaturen, in denen das offene Wort lebensgefährlich ist, nimmt es diese Rolle an. Man denke etwa an die berühmten Tagebücher von Victor Klemperer und Anne Frank.

Für andere ist das Tagebuch eine Art Schmollwinkel, eine «Beschwerdestelle» oder «Schalter, der nie geschlossen hat». So nannte es Arthur Schnitzler ein wohltuendes Gefühl, mit jemandem «zu plaudern, der einem nicht widersprechen kann.» Vor allem kann man im Tagebuch herrlich ablästern, zum Beispiel über den Ehepartner, was Leo und Sofia Tolstoi mit großer Leidenschaft in ihren jeweiligen Tagebüchern taten. Schwierig wird es natürlich, wenn zwei eifrige Tagebuchschreiber aufeinandertreffen. So wussten Fritz Raddatz und Walter Kempowski, dass nach ihrem Zwiegespräch «spätestens anderntags der eine über den anderen und der andere über den einen irgendwelche Notizen macht.»

Tagebücher dokumentieren auch welthistorische Augenblicke. «Um zwei Uhr morgens kam Land in Sicht», schrieb Christoph Kolumbus am 12. Oktober 1492 in sein privates Logbuch über die Entdeckung Amerikas. «Die Mauer könnte fallen», heißt es bei Walter Kempowski am 9. November 1989. Doch nicht immer wird der historische Umbruch vom Tagebuchschreiber so hellsichtig erkannt. So vermerkt Frank Kafka am 2. August 1914 lapidar: «Deutschland hat Russland den Krieg erklärt - Nachmittags Schwimmschule.»

Aber genau dieses Nebeneinander von großer Geschichte und Alltagskram macht den besonderen Reiz vieler Tagebücher aus, so etwa bei Samuel Pepys. Er schreibt genauso anschaulich über den großen Brand von London im Jahr 1666 wie über Perücken und Pest: «Was wohl für eine Mode in Perücken kommt, wenn die Pest vorüber ist? Jetzt wagt niemand Haar zu kaufen, aus Angst, es könnte von einer Pestleiche stammen.»

Angeblich schreiben mehr Protestanten als Katholiken Tagebuch (die haben ja die Beichte), mehr Frauen als Männer. Trotzdem überwiegen in Maars Buch die Männer, vor allem schriftstellernde Männer. Ihre Bücher sind eben am besten überliefert. Interessant wäre nun einmal eine Zusammenstellung mit anderen Schwerpunkten, zum Beispiel von Frauen, die nicht schriftstellern.

- Michael Maar: Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf, C.H. Beck Verlag, München, 259 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-406-65353-7

Michael Maar

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