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Literatur : Gespräche mit der Enkelin - Erinnerungen an Christa Wolf

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Zum 16. Geburtstag erhielt Christa Wolfs Enkelin Jana elf Bände gesammelte Werke ihrer Großmutter. Sie war damals von dem Geschenk nicht gerade begeistert.

«Eine Madonna-Platte hätte mir besser gefallen», erinnert sich die Enkelin an jenes Jahr 1988 in Ostberlin. «Zuhause wuchtete ich die elf Bände in mein Regal, und dort blieben sie.» Vorerst jedenfalls. Es war wohl ein Angebot der Großeltern, etwas über sich zu erzählen, «auch wenn ich das in jener Zeit noch nicht zu schätzen wusste».

Das kam später und sollte sich schließlich über ein Jahrzehnt hinweg, manchmal auch mit jahrelangen Unterbrechungen («Wir waren alle sehr mit unserem Leben beschäftigt») in wiederholt längeren Gesprächen zwischen den Generationen niederschlagen. Sie wurden von der Enkelin akribisch aufgezeichnet und jetzt, was zunächst als «reines Familienprojekt» so nicht gedacht war, auch veröffentlicht («Sei dennoch unverzagt - Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf», Ullstein). Es wird nicht das letzte Buch über die 2011 gestorbene Schriftstellerin («Der geteilte Himmel») sein, zuletzt erschienen Essays, Reden und Gespräche («Rede, daß ich dich sehe», Suhrkamp), und eines Tages werden wohl auch Christa Wolfs Tagebücher erscheinen.

Der jetzt vorliegende Band der Enkelin Jana bietet aber die bisher wohl interessantesten Einblicke in die Persönlichkeit und das Familienleben von Christa Wolf, natürlich untrennbar verbunden mit der wechselvollen deutschen Geschichte, angefangen von der Kindheit im Hitler-Deutschland, und später natürlich verbunden auch mit der Kulturpolitik der DDR, jenem Land, dem Wolf so verbunden war und dennoch mehr und mehr entfremdet wurde. Das war schon seit dem Ende des Prager Frühlings 1968 so, und das verstärkte sich noch mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 aus der DDR, die einen bis dahin nicht geahnten massenhaften Protest auch vieler DDR-Künstler und deren Exodus in den Westen zur Folge hatte.

«Manchmal dachten wir, wir hätten weggehen sollen», blickt der Publizist und Verleger Gerhard Wolf zurück. «Aber mit der ganzen Familie die DDR zu verlassen wäre sehr schwer gewesen, sehr aufwendig - und wohin...» 1987 erhielt Christa Wolf, die auch der SED angehörte, den DDR-Nationalpreis. Deutlich wird immer wieder die gegenseitige Abhängigkeit von Wolf und der DDR - sie wurde gebraucht, wie sie immer betonte, und sie brauchte auch die DDR.

Die Enkelin stellt auch die unbequemen Fragen («diese ungeheure Bedeutung, die ihr als Schriftsteller in der DDR hattet», sei doch «bestimmt auch sehr schmeichelhaft» gewesen). Sie lässt sich auch nicht mit Hinweisen abspeisen wie «Das kannst du nachlesen in...» Denn sie findet es «schrecklich, daß ich bei meinen Großeltern immer alles nachlesen muß - ich will es authentisch». Da ist zum Beispiel das Klima der ständigen Überwachung, ein Thema, das ja in vielerlei Abwandlungen nicht nur auf die DDR und die SED-Diktatur beschränkt blieb und bleibt. Die Wolfs hatten natürlich gemerkt, «wie groß der Anteil der Stasi-Überwachung in unserem Leben war» erinnerte sich Christa Wolf auf die ungläubige Frage der Enkelin: «Ihr habt den Irrsinn nicht mehr gemerkt?»

Und da ist auch das verdrängte Kapitel der kurzzeitigen Stasi-Kontakte von Christa Wolf als «IM Margarete» von 1959 bis 1962. «Du hast erzählt, daß du das völlig verdrängt hattest. Das haben damals leider viele gesagt.» Sie habe sich wirklich nicht mehr daran erinnern können, betont die Großmutter. Bei der Akteneinsicht in der Stasi-Unterlagen-Behörde sagte eine Mitarbeiterin zu ihr: «Regen Sie sich doch nicht auf! Bei Ihnen gibt es so viele Opferakten und dieses kleine Aktenstück - das wird Sie überhaupt nicht betreffen», was Christa Wolf im Gespräch nur lakonisch kommentiert: «Ja denkste!» Es sei damals gewesen, «als ob mir jemand mit der Holzlatte über den Kopf geschlagen hätte».

Und immer wiedr das Staunen der Enkelin über ihre Großeltern, dass sie «wirklich lange in der DDR ausgehalten» hätten, «obwohl ihr euch innerlich längst distanziert hattet». Aber dann sagte der allmächtige SED-Chef Erich Honecker zur «Kandidatin des SED-Zentralkomitees», die Wolf auch war: «Bleib mal bei uns. Die Partei wird so, daß auch du bleiben und gut schreiben kannst.» Das ist alles lange her. «Seit dem Mauerfall gibt es einen Schrumpfprozess der Zeit», meint die Großmutter beim letzten Gespräch. «Einerseits ist viel passiert, andererseits persönlich aber wenig... Ich finde, wir haben jetzt genug gequatscht!»

- Jana Simon: «Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf», Ullstein Verlag, Berlin, 288 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-550-08040-1

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erstellt am 02.Okt.2013 | 11:33 Uhr

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