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Literatur : Geschichte eines Selbstbetrugs: «Nacht ist der Tag»

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Eine Frau verliert durch einen Unfall ihr Gesicht, findet am Ende aber zu sich selbst. Das ist kurz zusammengefasst der Inhalt von Peter Stamms neuem Roman «Nacht ist der Tag», eine Geschichte über Selbstbetrug, falsche Inszenierung und eine Lebenskrise, die zur Katharsis wird.

shz.de von
erstellt am 20.Aug.2013 | 11:27 Uhr

Das alles könnte den Stoff für ein großes Melodram abgeben. Aber der 50-jährige Schweizer Autor («Sieben Jahre») erzählt in spröder Sprache und äußerster Dichte eine Lebensgeschichte aus der Mitte unserer Gesellschaft.

Nach einem Verkehrsunfall wacht die Fernsehmoderatorin Gillian in einem Krankenhaus mit entstelltem Gesicht auf. Ihr Mann Matthias hatte sich nach einem Streit auf einer Silvesterparty angetrunken ans Steuer gesetzt und ein Reh gerammt. Er starb, sie blieb schwer verletzt zurück. Während sie auf ihre Operation wartet, rekapituliert Gillian ihr scheinbar glamouröses Leben und kommt zu der bitteren Erkenntnis, dass es vor dem Unfall eine einzige Inszenierung gewesen war: «Ihr Job, das Fernsehstudio, die schönen Kleider, die Städtereisen, die Essen in guten Restaurants, die Besuche bei ihren Eltern und bei der Mutter von Matthias. Es musste falsch gewesen sein, wenn es so leicht zu zerstören war, durch eine Unachtsamkeit, eine falsche Bewegung. Das Unglück hatte früher oder später kommen müssen, als plötzliches Ereignis oder langsamer Verschleiß, aber es war unausweichlich.»

Wir erfahren, dass das Ehepaar vor dem Unfall über Aktfotos gestritten hatte, die Gillian heimlich bei dem Kunstfotografen Hubert hatte machen lassen. Auch diese Aktfotos waren letztlich an Gillians Mangel an Authentizität, an Präsenz gescheitert. Der zweite Teil des Romans wird aus Huberts Sicht erzählt. Auch sein Leben ist zum großen Teil Fassade. Sein Anspruch, allein von seiner Kunst zu leben, gibt er bald zugunsten einer bürgerlichen Existenz und einer sicheren Professur auf. Die Ehe mit der Esoterikerin Astrid besteht nur noch auf dem Papier, und bald versiegt auch seine Kreativität.

Da bekommt er eines Tages das Angebot, eine Ausstellung an einem Kulturzentrum in den Bergen zu organisieren. Dort trifft er Gillian wieder. Als Eventmanagerin «Jill» organisiert sie die Freizeitaktivitäten des Hauses. Nach einigen plastischen Operationen ist sie einigermaßen wiederhergestellt, selbst wenn ihr Gesicht immer noch «etwas Unzusammenhängendes» hat. Auch seelisch scheint sie den nun Jahre zurückliegenden Unfall verarbeitet zu haben. Sie fühlt sich wohl in ihrer kleinen heilen Welt hinter den sieben Bergen, auf die sich nun auch der gescheiterte Hubert immer mehr einlässt. Eine unwirkliche Idylle scheint sich zwischen den beiden anzubahnen. Aber so ein Ende wäre dann doch allzu kitschig….     

«Nacht ist der Tag» ist die Geschichte zweier Versehrter auf der Suche nach einem Neuanfang. Nach einem wirklich starken Auftakt wird die Erzählung jedoch immer klischeehafter und Gillians Heilung am Ende überzeugt nicht wirklich. Beide Figuren - ganz besonders jedoch Hubert - bleiben zu reduziert und farblos, um den Leser wirklich zu berühren.

- Peter Stamm: Nacht ist der Tag. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 256 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-10-075134-8

Peter Stamm

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