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Literatur : Feldpost aus zwei Kriegen als Familienchronik

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Der Krieg fühlt sich für Erich Donath nicht so schlimm an. «Komme gerade vom Putzen beim Oberjäger», schreibt der Maurer am 11. November 1914 an seine Mutter Minna Falkenhain.

Zwischen den Wachen in der Kaserne bei Naumburg verdient sich Erich etwas dazu. «Ein Soldat braucht immer Geld, so habe ich es übernommen.» Zu Hause, im kleinen Naundorf bei Wittenberg, berichtet Minna vom Alltag auf dem Bauernhof, den Sorgen zwischen Ernte und Schlachten - und von der Angst, dem Sohn könne etwas zustoßen. Ein Jahr später ist Erich tot, «gefallen» im Osten, mit 21 Jahren.

Minna sucht Trost in den Briefen an ihren Mann Karl Falkenhain. Der Jäger und Bahnarbeiter ist auch für das Vaterland unterwegs, einberufen vom Deutschen Reich für den Russland-Feldzug. Dann wird er nach Frankreich verlegt, später in die Türkei. 1927 stirbt er an Tuberkulose.

Die Briefe gehören zu einer sensationellen Entdeckung, die der Verleger und Autor Frank Schumann jetzt als Buch herausgegeben hat. «Was tun wir hier?» hat Schumann die Familien-Korrespondenz genannt, die er im Schutt eines Abrisshauses bei Torgau entdeckt hat. Die einstigen Bewohner, schreibt Schumann, hatten offenbar den Anspruch, alles Geschriebene und Gedruckte aufzubewahren.

Die Briefwechsel, insgesamt mehr als 1500 Feldpostbriefe und Heimatpost, ziehen sich über die beiden Weltkriege hin. Im Zweiten Weltkrieg kommen die Frontbriefe von Schwiegersohn Willy Otto Gasse, der von 1941 bis zum Kriegsende die Uniform trägt.

In ihrer Alltäglichkeit geben sie Einblick in Lebenswege einer Landfamilie zwischen sozialer Ungerechtigkeit und Entmündigung, wie Schumann in seinem Vorwort schreibt. Sie zeugen auch von Fatalismus, der Enge in der Provinz, der Hörigkeit gegenüber Autoritäten. In kleinen Randnotizen zeichnet Schumann chronologisch das allgemeine Kriegsgeschehen und die große Politik zur Orientierung nach. In den kleinen Begebenheiten spiegelt sich auch die Befindlichkeit einer Gesellschaft.

Schumann hatte 2011 als erster Journalist aus Deutschland die in Chile lebende Margot Honecker interviewt, die Witwe des früheren DDR-Staats- und Parteichefs Erich Honeckers. Von Honecker veröffentliche Schumann auch dessen Tagebuch seiner Zeit im Berliner Gefängnis Moabit nach dem Mauerfall.

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erstellt am 09.Sep.2013 | 13:13 Uhr

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