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Literatur : Elternglück? Von der Wickel- an die Scheidungsfront

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In einem Teil seines Lebens ist Dieter Bednarz seit bald 33 Jahren Redakteur beim «Spiegel» und interviewt Diktatoren und Präsidenten in Nah- und Mittelost.

In seinem anderen Leben ist der 57-Jährige Vater von drei kleinen Mädchen - und Autor des vergnüglichen Sachbuchs «Überleben an der Wickelfront» (2009), das im vergangenen Jahr mit Uwe Ochsenknecht in der Hauptrolle verfilmt wurde. Jetzt hat Bednarz mit seinem ersten Roman nachgelegt. Vom Chaos später Eltern an der Wickelfront führt er in seinem selbstironischen Roman «Mann darf sich doch mal irren!» direkt an die Scheidungsfront.

Romanheld Dieter Lindemann fällt seit der Geburt seiner drei Söhne und einem Jahr Elternzeit ins Karrieretief beim «größten Blatt aller Zeiten». Mit seiner Frau Esther, einer Scheidungsanwältin, versucht der alternde Journalist in Berlin vergeblich, Job und Familie unter einen Hut zu bringen - halbe-halbe, bei genauer Rollenverteilung. «Lebendig begraben unter dem ganzen Alltagsmist» geht das Eheleben den Bach runter, im Job wird Lindemann degradiert, Esther aber wird umworben von einem hohen Diplomaten im Auswärtigen Amt. Dieter flüchtet sich in eine Affäre, dann zur Schwiegermutter, und er versucht am Ende den Sprung seines Lebens.

Fast masochistisch mutet es an, wenn der abgehalfterte Lindemann aus der Ich-Perspektive erzählt, wie er von jüngeren Kolleginnen ausgebootet wird, seine Ehefrau ihn zum Hanswurst macht, und er demütig in einer Selbsthilfegruppe für Scheidungsväter landet. Von einer Pointe zur anderen treibt das Katastrophenleben von Dieter und Esther, vom «Vater des Jahres»-Trostpreis der Familienministerin bis zu Drogenexzessen in einem Berliner Szene-Club. Auch dieses bei allen Übertreibungen doch so lebensnahe Buch wird bereits von Produzentin Regina Ziegler verfilmt.

Der Autor zerlegt mit viel Humor den Mythos, dass Kinder, Karriere und ein erfülltes Eheleben so einfach unter einen Hut zu bringen wären. Nicht nur aus Lindemanns Sicht wird das Chaos an der Beziehungsfront geschildert, auch Esther kommt immer wieder zu Wort - entwaffnend ehrlich und schonungslos. Esther: «Ist der Mann, der sich da abends auf die Couch legt und über sein verpfuschtes Leben, seine verpasste Karriere ... jammert, noch mein Dieter?» Lindemann: «Andere ziehen zu ihrer Geliebten oder gönnen sich ein gutes Hotel. Ich muss zur Schwiegermutter.» Einen Beziehungsratgeber braucht man nach der Lektüre nicht mehr. Man möchte sich ausschütten vor Lachen.

Bednarz hat sich nach dem autobiographischen «Wickelfront»-Sachbuch in seinem Debütroman auf einen schriftstellerisch heiklen Pfad begeben - und sich als geistreicher Geschichtenerzähler bewährt. Man fragt sich aber angesichts der Namensähnlichkeiten und Anleihen bei der Realität, ob das etwa im Kern ein Bekenntnisroman ist. Da muss Bednarz lachen und betont tapfer: «Ich habe mit Lindemann nichts gemein. Er ist eine Kunstfigur.» Seit 14 Jahren führe er eine glückliche Beziehung. Und im wahren Leben sei «beim Spiegel auch alles bestens». Demnächst ist Bednarz wieder mitten in den Krisenzentren des Nahen Ostens.

- Dieter Bednarz, Mann darf sich doch mal irren! Unser Leben nach der Wickelfront, Verlag Langen Müller, 286 S., 17,95 Euro, ISBN 978-3-7844-3337-0

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erstellt am 03.Okt.2013 | 15:31 Uhr

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